Infanterie

Infanterie, 15 mm Zinnfiguren Essex

Infanterie (Fußtruppen, Fußvolk, franz., vom spanischen und italienischen infante, »Knabe, Knecht, Fußsoldat«). Nach Zahl und Gefechtsbedeutung die erste Waffe der europäischen Heere. Der Kavallerie an Schnelligkeit, der Artillerie an Fernwirkung nachstehend, ist sie die selbständigste und vielseitigste Waffe, da sie in jedem Gelände, bei jeder Witterung und Tageszeit, im Angriff und Verteidigung, im Bewegungs- und Stellungskrieg tätig sein und den Kampf bis zur Entscheidung durchführen kann. Das Feuergefecht in zerstreuter Ordnung ist das Hauptkampfmittel der heutigen Infanterie, die nur im Handgemenge, in Nachtgefechten von dem Bajonett, dem aufgepflanzten Seitengewehr oder dem Kolben Gebrauch macht. Für den Ausgang des Gefechts ist lediglich die Feuerwirkung ausschlaggebend, was jedoch den Kampf Mann gegen Mann durchaus nicht ausschließt. Den anderen Waffen gegenüber hat sie außerdem den Vorteil der leichteren Aufbringung, Ausbildung und Billigkeit. Sie erträgt die Anstrengungen und Entbehrungen eines Feldzuges besser als die auf die Verwendung von Pferden angewiesenen Waffen, Erhaltung und Verpflegung bieten geringere Schwierigkeiten.

Die Fechtweise der Infanterie kennzeichnet die allgemeine Fechtweise einer gewissen Zeitperiode, so dass man von einer Linear-, Kolonnen-, Stoß- und Feuertaktik spricht. In der berittenen Infanterie, die auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatz zu größerer Bedeutung gelangte, will man die schnellere Beweglichkeit des Reiters mit den Vorzügen der geländegewandten und feuerkräftigen Infanterie verbinden. Die Einführung von berittener Infanterie in größerem Maßstabe verbieten die Schwierigkeiten der Ausbildung und des schnellen Ersatzes im Felde. Vgl. auch Dragoner. Einen gewissen Ersatz für berittene Infanterie bilden die Radfahrabteilungen (s. d.), in weit höherem Maß aber sind schnelle Beweglichkeit und kräftige Feuerwirkung in den Maschinengewehrabteilungen vereint, s. Maschinengewehr.

Das Fußvolk, seit dem 17. Jahrhundert allgemein Infanterie genannt, bildet von jeher den Hauptbestandteil und den Kern der geordneten Heere. Vorübergehend tritt vor Einführung der Feuerwaffen die Bedeutung der Infanterie für den Ausgang der Schlacht, gegenüber der Reiterei, mehr in den Hintergrund. Bewaffnung, Ausrüstung und Kampfweise der Infanterie ist in den nationalen Heeren des Altertums nach Sitten und Kulturzustand der Völker sehr mannigfaltig. Überall findet sich jedoch bei den Heeren der Kulturvölker, den Ägyptern, Persern, Griechen, Phöniziern und Römern, die Unterscheidung zwischen Fußkämpfern für den Fern- und solchen für den Nahkampf. Erstere, die leichte Infanterie, ist mit Schleudern, Speeren, Bogen bewaffnet und leicht bekleidet, meist ohne Schutzwaffen, sie führt den Kampf in der Einzelordnung gemäß der Eigenart ihrer Waffen. Letztere, die schwere Infanterie, ist mit schwerem oder leichterem Spieß, pilum, und mit kurzem Schwert bewaffnet, sie trägt Schild und Panzer, rückt in geschlossenen Gliedern vor und erschüttert durch den starken Stoß den Gegner, um im Handgemenge ihn vollends niederzuringen.

Die leichte Infanterie leitet das Gefecht ein, bedroht den Rücken und die Flanke des Gegners; die schwere Infanterie entscheidet den Kampf. In ähnlicher Weise vollzieht sich dasselbe auch bei der Infanterie des 15.-18. Jahrhunderts, mit dem Unterschied, dass das leichte Fußvolk jener Zeit jetzt die Feuerwaffe führte. Die zweckentsprechende Aufstellung und Gliederung der geschlossenen Manipel (Schlachthaufen) der Römer, die wohlbeabsichtigte Wechselwirkung zwischen Fern- und Nahkampf, Angriff und Verteidigung und die geschickte Verwendung der Reserven kennzeichnet die hochentwickelte Kriegskunst jener Völker und den ausschlaggebenden Anteil der Infanterie am Erfolg. Der Niedergang der römischen Infanterie geht Hand in Hand mit dem politischen und sozialen Verfall des Reiches und Volkes in der späteren Kaiserzeit. Dem geschlossenen, ungekünstelten, aber todesverachtenden Ansturm der Goten und Germanen konnte das römische Fußvolk nicht widerstehen.

Im Laufe der Jahrhunderte, bis zur Einführung der Handfeuerwaffen, tritt die Infanterie immer mehr hinter der Reiterei des Rittertums zurück. Nur in den Freiheitskämpfen der Schweizer gegen die österreichischen und burgundischen Ritter zeigt sich die Infanterie, allerdings begünstigt durch die Gunst des Kriegsschauplatzes, der Reiterei gewachsen. Die Hauptwaffe der Infanterie ist zu dieser Zeit die Helmbarte, die jedoch bald der Pike und dem Spieß weicht. Mit der allmählichen Einführung von Handfeuerwaffen vollzog sich eine wesentliche Änderung in der Organisation und dem Gefechtsverfahren des Fußvolks, das als »Landsknechte« bis zum 17. Jahrhundert die europäischen Kriegsschauplätze beherrschte. Jetzt tritt, wie im Altertum, die Unterscheidung wieder ein zwischen leichter und schwerer Infanterie. Letztere, Pikeniere genannt, waren zuerst noch mit Rüstung und langer Pike ausgerüstet und erhielten im 16. Jahrhundert eine schwere Luntenschlossmuskete. Sie waren in Vierecken zu 3-4000 Mann formiert und führten auch in diesem Schlachthaufen das Gefecht. An den Flügeln oder rings um die Haufen herum, führten die Musketiere, mit leichter Flinte, Steinschlossgewehr, bewaffnet, das Gefecht in zerstreuter Ordnung. Von einer Gefechtsleitung finden sich wenig Spuren, jeder Haufen kämpft für sich.

Zu Ende des 17. Jahrhunderts war die Infanterie einheitlich mit Bajonettgewehren und Patrontaschen ausgerüstet. Es findet eine Einteilung in kleinere Verbände, Regimenter, Bataillone, Kompanien, statt. Das regelrechte Exerzieren und ein bis zur Grausamkeit gesteigerter Drill erzielt straffe Zucht und festen Zusammenhalt der geschlossenen Truppe. Die Verwendung leichter Truppen, als Schützen, hört auf, an ihre Stelle treten vorübergehend ausgesuchte Leute zum Werfen von Handgranaten, Grenadieren. Die Tiefe der Aufstellung, früher 8-10 Glieder tief, macht einer breiteren Entwicklung Platz. Die schwedische Infanterie focht noch in sechs Gliedern. Aus den tiefen Massenformationen entstanden Linien, durch welche die Lineartaktik ihren Namen erhielt. Ein besonderes Verdienst für die Ausbildung der Infanterie erwarb sich Leopold von Anhalt-Dessau durch Einführung des Gleichschrittes und des eisernen Ladestockes; die Ladegeschwindigkeit steigerte sich bis zu 8 Schuss in der Minute. Der Schwerpunkt der Kampftätigkeit bestand im Schnellfeuer geschlossener dreigliederiger Bataillonslinien, dem der Sturmmarsch mit gefälltem Bajonett auf dem Fuße folgte.

Die Lineartaktik Friedrichs d. Gr. gründete sich auf die Aufstellung seiner Infanterie in zwei Schlachtlinien (Treffen). Das zweite Treffen stand in einem Abstand von 300 Schritt hinter dem ersten. Der Raum zwischen den beiden Treffen wurde gewöhnlich durch eine Bataillonslinie geschlossen, welche die Front nach der Flanke hatte. Für den Marsch- und Vorpostendienst und zum Gefecht in Dörfern, Wäldern etc. schuf Friedrich in seinen Freibataillonen eine Art von leichter Infanterie. Nach dem glorreichen Ausgang des Siebenjährigen Krieges nahmen die Nachbarstaaten die preußische Infanterie zum Muster. Die französische Infanterie der Revolutionskriege entbehrte der Vorbedingungen für die erfolgreiche Anwendung der Lineartaktik, vor allem der für die sichere Handhabung langer Linien unentbehrlichen Ausbildung.

Napoleon I. gründete sein besonderes System der Infanterieverwendung auf die Ungebundenheit der schnell zusammengerafften Massen von Konskribierten. Unter ihm entstand das Tirailleur- oder Plänklersystem, das seine Ergänzung und Spitze in dem geschlossenen Stoß von kleinen und großen Kolonnen fand. Auf die Entfaltung einer überlegenen Feuerwirkung vor dem Einbruch in den Gegner wird jetzt der entscheidende Wert gelegt. Hiermit waren auch die Unterschiede zwischen leichter und schwerer Infanterie verwischt. Napoleons Ausspruch: »Il ne faut qu’une infanterie, mais une bonne«, fand in der Einheitsinfanterie in allen Heeren praktische Anwendung. Die Bezeichnungen Grenadiere, Musketiere und Füsiliere haben nur noch in der Erhaltung geschichtlicher Erinnerungen Bedeutung.

Die Napoleonischen Kriege hatten die ausschlaggebende Bedeutung des Feuers im Infanteriekampf, selbst bei minderwertigem Gewehr, unwiderleglich erwiesen. Nichtsdestoweniger zog man in allen Armeen während der langen Friedensperiode, die den Befreiungskriegen folgte, wenig Nutzen aus den Erfahrungen der Feldzüge. Schieß- und Felddienst wurden allenthalben vernachlässigt, Exerzierdrill und Exerzierkünsteleien geschlossener Bataillone bildeten den Schwerpunkt der Friedensausbildung.

Erst mit der Einführung des Zündnadelgewehrs gelangte in der preußischen Armee die Kompagniekolonnentaktik, die eine gesteigerte Selbständigkeit der Unterführer, einen hohen Grad von Schießfertigkeit und Geländegewandtheit der Soldaten zur Voraussetzung hat, zur Anwendung. Das in seine Kompagnien zerlegte Bataillon bildet fortan die Gefechtseinheit, das Gefecht wird in Schützenschwärmen, unterstützt durch kleine geschlossene Abteilungen, geführt. Die Erfolge der deutschen Infanterie im Kriege 1870/71 bewirkten, dass die Infanterie aller Militärstaaten im wesentlichen nach deutschem Muster ausgebildet wird. In einem zukünftigen Kriege wird die Tüchtigkeit und Intelligenz der Offiziere, die Feuerdisziplin, Schießausbildung und Geländegewandtheit der Mannschaften den Ausschlag im Infanteriekampf geben.

Die Infanterie des deutschen Heeres des frühen 20. Jahrhunderts ist in Brigaden, Regimenter, Bataillone und Kompanien gegliedert (s. d.).

Bibliographie

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  • Meerscheidt-Hüllessem, v.: Die Ausbildung der Infanterie (Berl. 1903 f.)
  • Neff: Gedanken über Burenkämpfe und Infanteriegefecht (Berl. 1902)
  • Rüstow: Geschichte der Infanterie (2. Ausg., Nordh. 1864, 2 Bde.)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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