Wald

Wald

Wald, ist bei der heutigen Fechtart ein für die hartnäckige Verteidigung sehr günstiges Gelände, besonders, wenn die Kunst der Natur noch hin und wieder zu Hilfe kommmt, und vorausgesetzt, dass unsere Truppen für das Waldgefecht, so wie überhaupt für das Gefecht in durchschnittenem Terrain, gehörig ausgebildet sind. In der offenen Schlacht kann derjenige Teil, welcher einen geeigneten Waldfleck inne hat, denselben als ein wahres Bollwerk ansehen, das selbst noch größere Vorteile als die Dörfer auf dem Schlachtfeld gewährt.

Der mit Geschütz und zerstreuten Fechtern besetzte Rand eines Waldes, dessen örtliche Lage von der Art ist, dass wir eine Flankenumgehung nicht zu besorgen, oder nicht zu fürchten haben, bietet eine so starke Verteidigungslinie dar, wie es wenige andere gibt. Wenn Geschütze und Schützen, durch Eingrabungen und Blendungen irgend welcher Art, sich gegen Frontal- und Flankenfeuer eine Deckung verschafft haben, kann man annehmen, dass das Feuer des feindlichen Geschützes für wenig oder nichts zu achten sei; die zahlreichsten Batterien werden nicht im Stande sein, aus der Ferne den Waldrand zu säubern, weder durch Kugel- noch Kartätschenfeuer. Reiterei muss sich vollends ganz in der Ferne halten, sie würde bloß eine nutzlose Zielscheibe abgeben. Es bleibt dem Feind also nichts übrig, als durch eine zahlreiche Tirailleurlinie, welcher geschlossene Soutiens auf dem Fuße folgen, den Angriff durchzusetzen. Bei gleicher Geschicklichkeit im Schießen, kann man aber dreist annehmen, dass ein Geschütz und ein Schütze im Waldrand, dreien anderen auf der Ebene die Waage halten; das höchste, was also hier der Feind zu erreichen vermag, ist, dass er mit ansehnlichem Verlust sich unaufhaltsam dem Rand nähert.

Der Feind weiß nun weder, wie stark wir hier sind, noch wo wir unsere Soutiens postiert haben, noch auf welche Hindernisse des Handgemenges er gefasst sein müsse, noch welche Absichten wir überhaupt wohl haben könnten. Will er durch Versuche erproben, was wir wohl abzuwehren vermögen, so wird es uns nicht schwer werden, diese uns unterlegenen Haufen durch die Bajonette unserer Soutientrupps zurück zu weisen, wobei wir nie nötig haben, eine größere Macht zum Vorschein zu bringen, als eben zur Abwehr hinreicht. Haben wir überdies in der Nähe Kavallerietrupps bereit, welche im günstigen Augenblick auf den ganz unvorbereiteten Feind losstürzen, wenn ihn eben das Verstummen unseres Feuers zu einem regellosen Darauflosrennen verleitet, so werden diese gewaltige Verwüstungen unter ihm anrichten.

Wenn man auch annimmt, dass der Feind dies erwartet habe, und das vor dem Waldrand entstandene Getümmel nun geschickt benutze, um, ohne von unserem Feuer zu leiden, gerade in diesem Augenblick seine Infanterie-Massen zum eigentlichen Angriff heran zu führen, so ist dagegen vorauszusetzen, dass wir auf hohen Bäumen, oder sonst gelegenen Punkten Beobachter aufgestellt haben, die über Staub, Rauch und Menschengetümmel hinwegblicken, damit uns diese Maßregel kein Geheimnis bleibe. Man hat alsdann die Wahl unter drei Fällen:

1) Wir brechen mit Massen von Fußvolk und Reiterei aus dem Wald hervor, um dem Sturm auf freiem Feld zu begegnen. Dem durch das bisherige Gefecht unverhältnismäßig mehr als wir zusammengeschmolzenen Feind, der für unvorhergesehene Unfälle ohne Zweifel auf eine Reserve dahinter gelassen haben wird, dürfen wir unbedenklich nur einen Teil unseres Fußvolkes entgegen schicken. Die höchste Wahrscheinlichkeit ist, dass wir ihn werfen; sollte dies aber nicht der Fall sein, so finden wir unmittelbar hinter uns einen hinlänglichen Rückenhalt, unter dessen Schutz unsere Haufen sich sammeln, und den Kampf erneuern können. Ist uns dagegen das Glück günstig, so hängt es von uns ab, in welchem Maße wir die Erfolge benutzen, und die Verfolgung des weichenden Feindes fortsetzen wollen.

2) Oder wir ziehen es vor, uns auf die strikte Behauptung des Waldrandes zu beschränken, und an demselben den Anlauf des Feindes abzuwarten. Dies ist vorzüglich dann ratsam, wenn Verhaue, Erdaufwürfe, Gräben, steile Ränder usw. den Saum des Waldes von außen umgeben, oder noch besser dicht hinter demselben verlaufen. Eine Hauptsache dabei ist, dass unsere Geschütze dergestalt platziert sind, dass sie, dem unmittelbaren ersten Anlauf des Feindes entzogen, das Handgemenge ruhig abwarten, und die dichten Schwärme oder Haufen des Feindes ganz in der Nähe mit Kartätschen begrüßen können. Diesen Hagel, unterstützt durch ein besonnenes Feuer unserer am Saum aufgestellten dichten Linien, wird der Feind um so weniger ertragen können, wenn es einigen Geschützen ihre vorspringende Aufstellung erlaubt, das Terrain vor unserer Front durch enfilierende Schüsse zu bestreichen.

Den Umriss des Waldes nach Wohlgefallen umzuändern und zu verbessern, ihn durch aus- und einspringende Winkel zu unterbrechen, und ihm überhaupt eine beliebige Form zu geben, hängt größtenteils von unserer Willkür ab, wird aber nur selten nötig sein. Wo Spitzen und schmale Zungen nach dem Feind zu sich hinaus erstrecken, ist es wahrscheinlich, dass der Anfall sich zunächst gegen diese richten wird, aus welchem der Feind uns durch einen umringenden Angriff zu verjagen sucht; allein gerade dies ist es, was wir wünschen. Wir haben zu dem Ende solche einzelne Reifen innerhalb durch Verhaue usw. von dem übrigen Teil des Waldes getrennt, so dass der darin eingedrungene Feind gerade hier auf die größten Hindernisse des weiteren Vorrückens stößt. Da er dies von außen nicht wahrnimmt, und sich nicht erklären kann, warum das anfangs muntere Vorschreiten plötzlich ins Stocken gerät, wird er dort eine Anhäufung von Truppenmassen (gleichviel ob irrig, oder mit Grund) voraussetzen, und das Übergewicht durch neue, stärkere, gegen diesen Punkt dirigierte Waffen zu erzwingen suchen. Wir lassen dies mit Ruhe geschehen; ist aber erst seine ganze hier versammelte Streitkraft recht in dem wirksamsten Bereich unseres Feuers, so fängt nun unsere zu beiden Seiten platzierte, und bis jetzt unbemerkte Artillerie an, Tod und Verderben unter dem Feind zu verbreiten. Sollte aber der Feind klüglich diese Punkte vermeiden, und sucht er statt dessen in die konkaven Seiten einzudringen, so werden seine hier vorrückenden Waffen um so leichter durch unser Feuer von jenen Punkten aus, und durch unsere ausfallenden Haufen, flankiert. Daher ist es nicht ratsam, gleich von Hause aus der gesamten Artillerie fixe Plätze anzuweisen; vielmehr zeigt sich erst im Verlauf des Gefechts, wo sie am vorteilhaftesten zu gebrauchen ist, und es genügt, sie stets bei der Hand zu haben, wozu rückwärts bequeme Kommunikationen für die beliebige Direktion derselben angefertigt werden.

3) Kann man endlich den Rand selbst einstweilen Preis geben; denn wie wichtig es auch meistenteils ist, dem Feind nicht zu gestatten, dass er auf einer von uns verteidigten Waldstrecke festen Fuß fasse, so kann es in manchen Fällen die Eigentümlichkeit des Lokals doch ratsamer machen, ihn etwas tiefer in das Innere zu locken, und es gerade hier zum entscheidenden Handgemenge zu bringen. Auch im Innern des Waldes hat derjenige bedeutende Vorteile über den Gegner, der ihn bis zu einem gewissen Augenblick stehend erwartet, weil der in Bewegung Begriffene viel weniger zu erkennen vermag, was um ihn her vorgeht, wo ihn die größte Gefahr erwartet, welche bestimmte Richtung sein Lauf nimmt, und wie er im Einzelnen handeln soll, um dem Ganzen Zusammenhang zu geben. So lange der Angreifer sich noch außerhalb des Waldes befindet, lässt sich eher von hinten her übersehen, welche Wendung das Gefecht nimmt; auch findet das Geschütz noch immer Gelegenheit, mit einzugreifen; so wie er aber hineindringt, hat beides ein Ende. Der Verteidiger hat bei dieser Gelegenheit vorzüglich folgende Dinge in Betracht zu ziehen.

Zuvorderst müssen seine zerstreuten Fechter sowie seine Reserven möglichst dahin trachten, dass sie die Orientierung nicht verlieren, und zu diesem Ende muss eine hinlängliche Zahl von Subjekten ganz ausschließlich dieser Rücksicht ihre Aufmerksamkeit widmen. Durch mancherlei Vorrichtungen lässt sich dies wesentlich erleichtern, indem man Gänge lichtet, und durch Strohwische, oder Abholzung der Rinde oder Zweige gewisse Linien und Richtungen kenntlich macht. Jägerhäuser, Köhlerhütten, freie Plätze, Kreuzwege, besonders gestaltete Bäume etc. bieten Merkmale, sich zurecht zu finden, an. Selbst daran, dass die rauheren, bemosten Rinden, und bei abgehauenen Stämmen, die enger an einander liegenden Jahrringe die Nordseite angeben, lassen sich die beiden Hauptrichtungen ab und gegen den Feind leicht unterscheiden.

Zweitens muss man vor Allem es dahin zu bringen suchen, dass unsere Front die des Feindes, wenigstens auf einer Seite, überflügele, und durch seitwärts detachierte Trupps es schlechterdings verhüten, dass uns der Feind die Flanke abgewinne. Wer im Wald umfasst wird, ist ein für allemal verloren; es bleibt ihm wenig anderes übrig, als die Flucht, oder ungeregelter Durchbruch durch die feindlichen Reihen, der gewöhnlich mit einer gänzlichen Auflösung endigt. Wohin man im Wald weicht, dahin folgt der Gegner gewöhnlich unwillkürlich nach; es ist daher eben nicht schwer, ihn in einen Hinterhalt zu locken, und die Weichenden haben vornehmlich darauf zu achten, dass sie in solcher Richtung zurückgehen, dass der ihnen folgende Feind unseren Reserven, und zum Soutien anrückenden Trupps unwillkürlich die Flanke bieten muss. Durch eine geschickte Benutzung und künstliche Nachhilfe der im Wald sich vorfindenden Hindernisse der freien Bewegung, lassen sich häufig Abschnitte bilden, welche dem feindlichen Andrang bestimmte Richtung und Grenzen vorschreiben, so dass sich seine, in der Breite nachfolgende Blänkerlinie, ehe sie sichs versieht, in einen Winkel zusammendrängt und eingeschlossen befindet, in welchem sie und ihre nachfolgenden Trupps, ohne dass sie sich in der Geschwindigkeit ausbreiten und seitwärts Luft machen können, von einem konzentrischen Feuer der hinter diesen beengenden Linien aufgestellten Geschütze, behagelt sehen, während der von uns ausgewichene Schwarm dadurch bloß in seiner Bewegung geregelt, und ganz unwillkürlich in einen Trupp versammelt wurde.

Drittens: der Fliehende wird von der Verfolgung des Feindes wenig zu besorgen haben; sie muss stets mit Vorsicht geschehen, und wird sich selbst bald ein Ziel setzen. Wenn man in und durch die ausweichende Bewegung daher nur nicht ganz Besonnenheit, Mut, und Willen zum Frontmachen durch eigene Schuld verliert, wird man sich leicht sammeln, und wieder in die Offensive übergehen können. Das Schießen im Wald, während der Bewegung ist beinahe ganz ohne Wirkung; der Angreifende wird daher auf den Gebrauch des Schießgewehrs fast ganz Verzicht leisten müssen, außer er hätte gute Schützen mit gezogenen Büchsen; aber auch diese werden weniger leisten, als die hinter Stamm und Gebüsch verborgenen Verteidiger, welche ihren Mann mit völliger Ruhe ganz in der Nähe aufs Korn nehmen. Das Kolbengefecht im Wald will auch nicht viel sagen, und es scheint daher besser, das Bajonett hier nur wie einen Dolch zu gebrauchen.

Wenn man einen im Wald postierten Gegner nicht durch Umgehungsmanöver vertreiben, oder ihn aus seinem Schlupfwinkel ins Freie nicht weit genug vorlocken, oder ihn durch die moralische Wirkung nicht außer Fassung bringen kann, wird man jederzeit einen schweren Stand haben. Man weiß nie, ob man zu viel, oder zu wenig Kraft aufs Spiel setzt; man hat es nicht in seiner Macht, gewaltsam zu entscheiden. Jeder Angriff im Einzelnen, er sei Demonstration oder Ernst, muss durch eine zerstreute Feuerlinie geschehen, welcher im gehörigen Abstand immer stärkere Waffen folgen. Je dichter die vordere Linie gemacht wird, desto mehr Leute werden wir einbüßen; diese hat aber keinen anderen Zweck, als die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich zu ziehen. In der Entfernung des wirksamen Schusses, von der sie durch die feindlichen Kugeln schon unterrichtet werden wird, wirft sie sich auf die Erde nieder, und feuert. Eine zweite, eben so dünne Linie, bricht im vollen Laufen durch die erste durch, wirft sich nieder und feuert. Auf diese Weise sucht man, unter der Unterstützung eines lebhaften Kartätschenfeuers der seitwärts postierten Geschütze, so schnell wie möglich den Saum des Waldes zu erreichen. Gestattet der Feind, dass sich unsere Blänkerlinie in demselben einnistet, so ist viel gewonnen; jetzt sucht man Schritt für Schritt weiter vorzudringen, und behutsam auf einzelnen Punkten vorschreitend, stets wieder Ruhepunkte zu gewinnen, damit man sich orientiere, und abwechselnd den Feind um die Vorteile des Stehenden betrüge. Dass der Gegner uns gerade gegenüber fortgesetzt Stich hält, macht so viel nicht aus, wenn er uns nur nicht gänzlich zum Wald wieder hinausschlägt, oder wenn wir es unterdessen dahin bringen können, seine Front zu überflügeln, zu welchem Ende der größere Nachdruck unseres Angriffs vornehmlich auf die Flügel zu legen sein wird.

Verhaue muss man in Brand zu stecken, oder die dahinter befindliche Feuerlinie durch Granaten und Kartätschen zu vertreiben suchen, worauf sich unsere Blänkerlinie dort festsetzt, und Pionier-Detachements ihn stellenweise aufräumen, und den Durchgang eröffnen. Zum Anzüngen ist die Nacht der schicklichste Zeitpunkt; man bedient sich dazu der Brandfaschinen, oder sonst welcher künstlicher Brandmittel, die man in die Mitte des Verhaus wirft, während man durch Kartätschen und Schützen das Löschen zu verhindern sucht.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

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