Deutsch-Französischer Krieg, 1870-71

Deutsch-Französischer Krieg, 1870-71

In Frankreich empfand man die Entscheidung des preußisch-deutschen Krieges von 1866 zu gunsten Preußens als eine Niederlage, das Volk verlangte »Revanche für Sadowa« (Königgrätz) und beschuldigte Kaiser Napoleon III., der nicht einmal Luxemburg als Kompensation zu gewinnen wusste, des Verrats an Frankreichs Macht und Ehre. Die französische Regierung sah sich unter diesen Umständen zur Behauptung ihrer Popularität zu einem Kriege mit Preußen gedrängt, und nachdem Riel die Armee organisiert hatte, suchte sie nach einem Anlass und fand ihn in der spanischen Thronfolgefrage. Auf die Nachricht, dass die spanische Krone dem Erbprinzen Leopold von Hohenzollern angeboten und von ihm angenommen worden sei, erklärte der Minister des Äußeren, Gramont, auf eine Interpellation im Gesetzgebenden Körper 6. Juli 1870, Frankreich werde nicht dulden, dass eine fremde Macht, indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setze, das europäische Gleichgewicht zu ihren gunsten störe. Volksvertretung und Presse begrüßten diese Erklärung, die ohne weiteres als Kriegsdrohung gegen Preußen aufgefasst wurde, mit stürmischem Beifall, und die französische Regierung verlangte 9. Juli durch ihren Botschafter Benedetti von König Wilhelm in Ems, er möge den Erbprinzen von Hohenzollern zum Verzicht auf die spanische Krone zwingen.

Das Begehren wurde abgelehnt, und da der Prinz 12. Juli aus freien Stücken der angebotenen Krone entsagte, schien der Fall erledigt. Doch nun verlangte Gramont von dem preußischen Botschafter in Paris, v. Werther, er solle den König zur Absendung eines an Napoleon gerichteten Entschuldigungsschreibens bewegen, und Benedetti erhielt den Auftrag, dem König die Versicherung abzupressen, dass er in Zukunft niemals eine neue Thronkandidatur des Erbprinzen zulassen werde. Diese Zumutung wies der König entschieden zurück und verweigerte dem Botschafter eine weitere Audienz über diesen Gegenstand. Darin und besonders in der Mitteilung, die Bismarck darüber den Gesandtschaften des Norddeutschen Bundes machte, sah die französische Regierung eine Beleidigung ihres Botschafters und begründete damit 15. Juli das Verlangen an den Gesetzgebenden Körper, die für den Krieg erforderlichen Beschlüsse (Kredit von 66 Mill. Frank, Einberufung der Mobilgarde und Anwerbung von Freiwilligen) sofort zu fassen. Dies geschah auch trotz der Warnungen weniger Deputierten, und 19. Juli wurde in Berlin der Krieg erklärt. Im Vertrauen auf die neuen Waffen (Chassepotgewehr und Mitrailleuse) sowie auf die Unterstützung Dänemarks, Italiens und Österreichs, die Erhebung der von Preußen 1866 annektierten Provinzen, die Neutralität oder gar Allianz Süddeutschlands, hoffte Frankreich bestimmt auf den Sieg.

In Deutschland herrschte gegenüber dieser prahlerisch ausgesprochenen Siegeszuversicht Ruhe und Entschlossenheit. König Wilhelm kehrte 15. Juli nach Berlin zurück und erließ die Mobilmachungsorder; das Gleiche taten die süddeutschen Fürsten, die den Casus foederis anerkannten, auch die anfangs abgeneigten Kammern von Bayern und Württemberg bewilligten die erforderlichen Gelder. Der Reichstag des Norddeutschen Bundes beantwortete 19. Juli die Thronrede des Königs mit einer begeisterten Adresse und genehmigte die Kriegsanleihe einstimmig. Bismarck veröffentlichte in diesem entscheidenden Augenblick 25. Juli in den »Times« den Entwurf eines Bündnisses, das Frankreich Preußen seit 1867 wiederholt angetragen, dieses aber abgelehnt hatte: danach sollte Frankreich Luxemburg und Belgien, Preußen die Herrschaft über Deutschland erhalten. Die öffentliche Meinung Europas war damit gegen Napoleon gewonnen, denn seine Eroberungslust war jetzt öffentlich enthüllt, er war auch moralisch der Angreifer auf den Frieden Europas. In Italien und Österreich waren allerdings maßgebende Persönlichkeiten zur Unterstützung Frankreichs geneigt, aber beiden Staaten fehlte die Kriegsbereitschaft, und Österreich musste noch auf Russland Rücksicht nehmen. Frankreich und Deutschland standen sich allein gegenüber.

Auf deutscher Seite war die Mobilmachung in nicht viel mehr als einer Woche vollendet. Drei Armeen unter dem Oberbefehl des Königs von Preußen, dem Moltke als Chef des Generalstabes zur Seite trat, sollten am Mittelrhein auf der Operationsbasis Koblenz-Mainz-Mannheim aufgestellt werden. Die erste Armee, das 7. und 8. Armeekorps, einschließlich der 1. und 3. Kavalleriedivision (60.000 Mann mit 180 Geschützen), unter dem Befehl des Generals v. Steinmetz, bildete den rechten Flügel bei Koblenz. Die zweite Armee, die Garde, das 3., 4., 9., 10. und 12. Armeekorps und die 5. und 6. Kavalleriedivision (194.000 Mann mit 534 Geschützen), unter dem Befehl des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, stand als Zentrum bei Mainz. Der linke Flügel bei Mannheim war die dritte Armee, das 5. und 11. norddeutsche Korps, die Bayern, Württemberger und Badener (130.000 Mann mit 480 Geschützen) unter dem Kronprinzen von Preußen. Im ganzen standen also in erster Linie 384.000 Mann mit 1194 Geschützen.

Drei preußische Armeekorps (1., 2. und 6.) blieben als Reserve im Osten; den Küstenschutz übernahmen die 17. Division und 3 Landwehrdivisionen unter Vogel v. Falckenstein. Die Franzosen zogen eine sogenannte Rheinarmee zusammen, doch durchaus nicht so schnell, wie man erwartet hatte, weil die Einziehung der Reserven höchst umständlich und zeitraubend und alles Material, Proviant, Munition, Wagen, Kleidung etc., in Paris konzentriert war und von dort bezogen werden musste. Die Zahl der verfügbaren Mannschaften entsprach nicht den Angaben auf dem Papier: die Rheinarmee zählte Anfang August nur 250.000 Mann, die nicht einmal alle völlig ausgerüstet waren. Die Armee, deren Oberbefehl Kaiser Napoleon III. selbst übernahm mit dem bisherigen Kriegsminister Leboeuf als Generalstabschef, war überdies an der deutschen Grenze verzettelt. Das 7. Korps (Douay) stand bei Belfort, das 1. (Mac-Mahon) bei Straßburg, das 5. (Failly) bei Bitsch, das 2. (Frossard) bei Saarbrücken, das 3. (Bazaine) bei Metz, das 4. (Ladmirault) bei Diedenhofen, das 6. (Canrobert) bei Châlons und die Garde (Bourbaki) bei Nancy.

Während die deutsche Armee 30. Juli gegen die französische Grenze vorrückte, musste die französische vorläufig stehen bleiben. Nur das 2. französische Korps führte 2. Aug. in Gegenwart des Kaisers und des kaiserlichen Prinzen einen Angriff auf Saarbrücken aus, das, von nur 1000 Preußen verteidigt, auf kurze Zeit von den Franzosen besetzt wurde. Die Offensive fiel daher den Deutschen zu, die sich inzwischen durch Heranziehen des 1., 2. und 6. Korps um 100.000 Mann verstärkt hatten; die erste Armee marschierte die Saar aufwärts, die zweite durch die Rheinpfalz, die dritte nach der Lauter.

Der Kronprinz mit der dritten Armee stieß zuerst bei Weißenburg auf Widerstand, wohin Mac-Mahon eine Division unter Général de division Abel Douay vorgeschoben hatte; Weißenburg und der dahinter liegende Geisberg wurden von den Deutschen nach heftigem erbitterten Kampf 4. Aug. erstürmt. Bei Wörth besiegte schon 6. Aug. der Kronprinz Mac-Mahon selbst. Am selben Tage wurde von Truppen der ersten und zweiten Armee nach heldenmütiger Erstürmung der Spicherer Höhen das Korps Frossard geschlagen, worauf sich die Rheinarmee bei Metz zusammenzog. Der deutsche Feldzugsplan, den Feind durch Umfassung seiner rechten Flanke auf dem rechten Moselufer zur Entscheidungsschlacht zu zwingen, wurde so vereitelt; auch verlor die dritte Armee die Fühlung mit dem besiegten Feind, und Mac-Mahon, Failly und Douay konnten sich mit Hilfe der Eisenbahn unbehelligt ins Lager von Châlons zurückziehen.

Dennoch waren diese ersten Siege der Deutschen von der größten Bedeutung: sie erfüllten das deutsche Volk mit freudiger Siegeszuversicht, schreckten Italien und Österreich von jeder Einmischung ab und riefen in Frankreich die größte Bestürzung hervor. Das Ministerium Ollivier-Gramont wurde gestürzt; die Regentin, Kaiserin Eugenie, rief den General Palikao an die Spitze der Regierung; der Kaiser übergab 12. Aug. den Oberbefehl der Rheinarmee an Bazaine; der Plan einer Landung in Norddeutschland wurde aufgegeben, die Aushebung aller waffenfähigen Mannschaft beschlossen und in blinder Wut alle Deutschen aus Frankreich ausgewiesen. Bazaine hatte die Absicht, die Rheinarmee von Metz nach Châlons zu führen, wurde aber 14. Aug. durch den Angriff der ersten deutschen Armee auf seine noch rechts der Mosel stehenden Korps daran gehindert (Schlacht bei Colombey-Nouilly). Als er 16. Aug. den Abmarsch antreten wollte, stellten sich ihm auf der Straße nach Verdun, westlich von Metz, das 3. und 10. preußische Korps, die oberhalb Metz die Mosel überschritten hatten, entgegen und zwangen ihn durch die blutige Schlacht von Vionville-Mars-la-Tour zum Rückzug auf Metz.

In der Stellung, die er auf den Höhen westlich von Metz mit 140.000 Mann einnahm, ward er 18. Aug. von der ersten und zweiten deutschen Armee unter dem Befehl des Königs angegriffen (Schlacht bei Gravelotte). Bei St.-Privat warfen die Deutschen den rechten Flügel der Franzosen, Bazaine zog sich in der Nacht hinter die Forts zurück. Das Ergebnis der allerdings mit dem ungeheueren Verlust von 1832 Offizieren und 39.000 Mann erkauften Schlachttage vor Metz (14., 16. und 18. Aug.) war, dass der Abmarsch der Rheinarmee nach Châlons verhindert und dieselbe in Metz eingeschlossen wurde.

Zur Zernierung von Metz blieben unter Prinz Friedrich Karl die erste und zweite Armee zurück und wurden durch die Landwehrdivision Kummer und die 17. Division verstärkt, während die Garde, das 4. und 12. Armeekorps von der zweiten Armee abgetrennt und mit der 5. und 6. Kavalleriedivision als vierte (Maas-) Armee dem Oberbefehl des Kronprinzen Albert von Sachsen unterstellt wurden. Diese Armee sollte mit der dritten, die mittlerweile über Nancy die Mosellinie erreicht hatte, unter dem Befehl des Königs ins Innere Frankreichs vorrücken; in Châlons oder vor Paris hoffte man den Feind zu treffen. Indes fand bereits die den Vormarsch deckende Reiterei, die dem Gros um mehrere Tage voraus war, das Lager von Châlons vom Feind geräumt; dieser war nach Norden abgezogen. Im Lager waren das 1., 5., 7. und 12. französische Korps, 130.000 Mann, zusammengezogen und reorganisiert worden; auch der Kaiser war von Metz dorthin gekommen, hatte aber den Oberbefehl Mac-Mahon überlassen. Dieser erhielt nun von Palikao den Befehl, auf Diedenhofen zu marschieren und sich dort mit dem gleichzeitig aus Metz herausbrechenden Bazaine zu vereinigen, um die Deutschen zum Rückzug zu zwingen oder ihnen in den Rücken zu kommen. Das Unternehmen war gewagt, ja verzweifelt, schien aber der Regentin und dem Ministerium zur Erhaltung der Dynastie auf dem Thron notwendig.

Mac-Mahon gehorchte dem Befehl, obwohl er ihn nicht billigte; auch der Kaiser erhob keinen Einspruch. Am 21. Aug. brach die französische Armee aus dem Lager auf; doch wurde der kühne Marsch über Reims, Rethel und Montmédy nach Diedenhofen nicht mit der erforderlichen Schnelligkeit ausgeführt. Inzwischen hatte die dritte deutsche Armee eine große Rechtsschwenkung ausgeführt und ihren Marsch nach Norden gerichtet; bereits 27. Aug. erreichte ihre Kavallerie die Franzosen bei Buzancy. König Wilhelm befahl nun, dass die Maasarmee und zwei von Metz herangezogene Korps dem Feind den Weg nach Metz verlegen, die dritte Armee aber ihn im Westen umfassen und nach der belgischen Grenze drängen solle. Dies geschah pünktlich und sicher: am 30. Aug. wurde das 5. französische Korps bei Beaumont eingeholt und zersprengt, Mac-Mahon bei Sedan 1. Sept. zur Schlacht gezwungen. Die Franzosen wurden hier völlig umzingelt und mussten 2. Sept. kapitulieren; außer den 21.000 in der Schlacht gefangenen gerieten 83.000 Franzosen, darunter 2866 Offiziere, in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nur das Mac-Mahon von Paris nachgeschickte 13. Korps entkam und kehrte nach Paris zurück.

Bazaines Versuch (31. Aug.), die deutsche Zernierungslinie vor Metz auf dem rechten Moselufer zu durchbrechen, wurde in der zweitägigen Schlacht von Noisseville zurückgewiesen. Das kaiserliche Heer, teils in Metz eingeschlossen, teils kriegsgefangen, war keiner Operation mehr fähig; mit seiner Vernichtung brach auch das Kaiserreich selbst zusammen. Auf die Kunde von der »Schmach von Sedan« trieb das Pariser Volk den Gesetzgebenden Körper 4. Sept. auseinander und betraute die Deputierten von Paris mit der »provisorischen Regierung der Nationalverteidigung«; der Gouverneur von Paris, General Trochu, führte den Vorsitz. Die Kaiserin Eugenie flüchtete nach England, wohin ihr der kaiserliche Prinz folgte; Napoleon III., schon seit 1. Sept. König Wilhelms Kriegsgefangener, erhielt Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel als Aufenthaltsort angewiesen.

In Deutschland und auch im Ausland sah man im Ende des Kaiserreichs auch das des Krieges. Und die Franzosen meinten, da der Urheber des Krieges beseitigt sei, würden die Deutschen befriedigt in ihre Heimat zurückkehren; allenfalls wären sie geneigt gewesen, die Kriegskosten zu vergüten. Sie rechneten hierbei auf die Unterstützung der Mächte, die Thiers auf einer Rundreise an den Höfen, freilich vergebens, anrief, und erkannten die Lage so wenig, dass der neue Minister des Auswärtigen, Jules Favre, 6. Sept. der Aufforderung zum Frieden die prahlerische Phrase hinzufügen konnte, Frankreich würde keinen Zoll seines Gebietes, keinen Stein seiner Festungen abtreten. Bismarck erklärte 16. Sept., dass Deutschland die Abtretung von Elsass und Lothringen mit Straßburg und Metz als Bürgschaft gegen neue Angriffsgelüste verlange, und lehnte auch die Bewilligung eines Waffenstillstandes, den Favre in einer persönlichen Zusammenkunft zu Ferrières erbat, ohne genügende Garantien ab. Die neue französische Regierung proklamierte nun die allgemeine Volksbewaffnung, und der Krieg nahm seinen Fortgang.

Deutscherseits erkannte man, dass nur die Einnahme von Paris und die Besetzung eines möglichst großen Teiles von Frankreich den Frieden herbeiführen könnten. Die dritte und Maasarmee rückten von Sedan sofort auf Paris, wo allerdings gegen 400.000 Mann versammelt waren, aber noch ein solches Chaos herrschte, dass die Deutschen 19. Sept. ohne alle Schwierigkeiten die Einschließung von Paris vollenden konnten. Auf diese beschränkten sie sich, da zu einer Beschießung kein schweres Geschütz zur Stelle, zu einem gewaltsamen Angriff die Zernierungsarmee (130.000 Mann) zu schwach war; freilich führte die Einschließung über Erwarten spät zur Aushungerung der Stadt, da es den Franzosen gelungen war, sich noch rechtzeitig in wirklich großartiger Weise zu verproviantieren. Daneben sicherte energische Belagerung der Festungen im östlichen Frankreich die Verbindung mit Deutschland. Durch den Fall von Toul (23. Sept.) ward eine Bahnverbindung mit dem Rhein gewonnen; nach der Kapitulation von Straßburg (27. Sept.) wurde das Elsass besetzt, und das neugebildete 14. Korps unter General Werder bemächtigte sich des Saônegebiets.

Inzwischen hatte die Delegation der provisorischen Regierung in Tours, deren Leitung im Oktober Gambetta übernahm, die allgemeine Volksbewaffnung (levée en masse) begonnen. Aus den unter die Fahnen gerufenen und auf Kosten der Gemeinden und Departements ausgerüsteten waffenfähigen Mannschaften wurden zahlreiche neue Truppenkörper gebildet. Aus Algerien wurden alle verfügbaren Truppen herangezogen, die Kriegsflotten aus der Nord- und Ostsee, wo sie nichts hatten ausrichten können, abberufen und die beträchtlichen Hilfsmittel der Marine an Offizieren, Mannschaften und Geschütz für den Landkrieg verwendet. Wie 1793 glaubte Gambetta durch den kleinen Krieg der Francs-Tireurs die Feinde ermüden und durch die Masse des Volksheeres erdrücken zu können. Die ersten Provinzialheere bildeten sich in Lille, Lyon und Orléans. Das letztere, die Loirearmee unter General La Motterouge, wurde 10. Okt. von General v. d. Tann, dessen Abteilung aus dem 1. bayerischen Korps und der 22. preußischen Division bestand, bei Artenay geschlagen und darauf Orléans, Châteaudun und Chartres von den Deutschen besetzt.

Indes die reorganisierte Loire-Armee unter Aurelle de Paladines wuchs Ende Oktober auf 200.000 Mann an. Tann musste 8. Nov. Orléans räumen und nach dem Gefecht bei Coulmiers (9. Nov.) bis Toury zurückweichen, wo er durch die 17. Division verstärkt wurde. Von Le Mans drangen beträchtliche Scharen gegen Chartres und Dreux vor, im Norden machte sich die von Bourbaki gebildete Armee bemerklich, und die Franctireurbanden wurden immer dreister. Die Zernierungstruppen vor Paris, von wo wiederholt Ausfälle (so besonders 30. Okt. bei Le Bourget) versucht wurden, wären ernstlich gefährdet worden, wenn nicht 27. Okt. die Kapitulation von Metz 173.000 Mann mit 6000 Offizieren in deutsche Gefangenschaft gebracht hätte. Die erste und zweite deutsche Armee wurden so für den Krieg in der Provinz verfügbar, der nun mit anderer Tatkraft als bisher geführt werden konnte.

General v. Manteuffel mit dem 7. und 8. Korps warf die Franzosen 27. Nov. bei Amiens in die nördlichen Festungen zurück und besetzte 5. Dez. Rouen und 9. Dez. Dieppe. General v. Werder ging nach dem Fall von Schlettstadt und Neubreisach zum Schutz der Belagerung von Belfort bis Dijon vor und schlug alle Angriffe Garibaldis siegreich zurück. Prinz Friedrich Karl führte das 3., 9. und 10. Korps in Eilmärschen an die Loire und erreichte die Gegend von Orléans, als gerade auf Anordnung Gambettas der rechte Flügel der Loirearmee der Pariser Armee, die im Südosten nach Fontainebleau durchbrechen wollte, die Hand zu reichen versuchte. Als dieser Versuch am Widerstand des 10. Korps bei Beaune-la-Rolande (28. Nov.) gescheitert war, wurde auch der Angriff des linken Flügels auf Loigny unter Chanzy vom Großherzog von Mecklenburg abgewiesen, und Prinz Friedrich Karl schritt 3. Dez. seinerseits zum Angriff auf die schon desorganisierte Loirearmee, zersprengte sie in zwei Teile und besetzte 4. Dez. Orléans wieder.

Der Ausfall der Pariser Truppen unter Ducrot misslang trotz mutigen und anfangs erfolgreichen Vordringens gegen die deutsche Stellung auf den Höhen von Villiers (30. Nov. und 2. Dez.). Zwei neue Vorstöße der französischen Nordarmee unter Faidherbe wurden 23. Dez. an der Hallue und 3. Jan 1871 bei Bapaume von Manteuffel zurückgewiesen. Gambetta war dennoch nicht entmutigt, bildete aus der zersprengten Loirearmee zwei neue, unter Chanzy in Le Mans und unter Bourbaki in Bourges, und versuchte im Januar 1871 einen allgemeinen Angriff auf die Deutschen. Die Pariser Armee sollte einen großen Ausfall machen, Chanzy von Westen und Faidherbe von Norden ihr entgegenkommen; der entscheidende Schlag sollte im Osten ausgeführt werden: Bourbaki sollte durch einen kühnen Zug auf Belfort dieses entsetzen, Werders Korps zersprengen und durch rasches Vordringen in das Moselgebiet die Deutschen vor Paris und in Orléans von ihrer Verbindung mit dem Rhein und damit von ihrer Verpflegungsbasis abschneiden.

Obwohl Trochu einen neuen Ausfall aus Paris für aussichtslos hielt, versuchten doch mit seiner Einwilligung 19. Januar 100.000 Mann vom Fuß des Mont Valérien aus nach Westen durchzubrechen, wurden aber vom 5. preußischen Korps unter empfindlichen Verlusten zurückgewiesen. Am selben Tag musste Faidherbe, durch Goeben bei St.-Quentin geschlagen, in die nördlichen Festungen flüchten. Friedrich Karl kam Chanzy mit dem Angriff zuvor: in den siebentägigen Gefechten von Le Mans (6.-12. Jan.) wurde dieser bis Laval zurückgeschlagen und für längere Zeit kampfunfähig gemacht.

Der Vormarsch Bourbakis gegen Belfort zwang allerdings Werder zur Räumung von Dijon und zur Einnahme einer festen Stellung westlich von Belfort an der Lisaine. Der Versuch der Franzosen, diese zu erstürmen, misslang (15.-17. Jan.), während Manteuffel mit der neugebildeten Südarmee (2. und 7. Korps) unbelästigt von Garibaldi die Côte d’Or überschritt und sich dem Bourbakischen Heer in den Rücken warf. Als dieses durch die Täler des Jura seinen Rückzug nach Lyon nehmen wollte, ward es von Manteuffel 1. Febr. bei Pontarlier gezwungen, 80.000 Mann stark auf schweizerisches Gebiet überzutreten. Belfort ward 16. Febr. übergeben.

Da die Lebensmittel in Paris gänzlich auszugehen drohten, wurden Verhandlungen angeknüpft und 28. Jan. 1871 durch eine Konvention zwischen Bismarck und Jules Favre sämtliche Forts um Paris den Deutschen übergeben und ein Waffenstillstand auf 21 Tage abgeschlossen, währenddessen eine französische Nationalversammlung zur Entscheidung über die Friedensfrage berufen werden sollte. Als Gambetta den Waffenstillstand zur Verstärkung der Armee und zur Beherrschung der Wahlen im Sinn eines Krieges bis zum äußersten benutzen wollte, musste er seine Entlassung nehmen. In der Tat war jeder weitere Widerstand aussichtslos, da die deutschen Truppen in einer Stärke von 900.000 Mann einen großen Teil Frankreichs besetzt hielten, die meisten Festungen im Osten und Norden erobert hatten und im Besitz hinreichender Verkehrslinien waren.

Die Wahlen zur Nationalversammlung (8. Febr.) ergaben, da man allgemein von der Nutzlosigkeit weiteren Widerstands überzeugt war, eine zum Frieden entschlossene Mehrheit. Die Nationalversammlung wurde 12. Febr. in Bordeaux eröffnet, ernannte Thiers 17. Febr. zum Chef der Exekutivgewalt und beauftragte ihn mit den Friedensverhandlungen: 21.-26. Febr. wurden sie in Versailles geführt. Die deutsche Regierung verlangte die Abtretung von Elsass-Lothringen mit Straßburg, Metz und Belfort und eine Kriegskontribution von 6 Milliarden Frank. Die deutsche Regierung bestand gegenüber den Einmischungsgelüsten auswärtiger Mächte, namentlich Englands, darauf, dass Deutschland, das den Krieg allein ausgefochten, auch allein den Frieden schließe. Nachgegeben wurde nur darin, dass die Geldforderung auf 5 Milliarden herabgesetzt wurde, bis zu deren Abzahlung französisches Territorium besetzt bleiben sollte, und Belfort bei Frankreich blieb.

So wurde 26. Febr. der Präliminarfriede von Versailles unterzeichnet und, da die Deutschen durch Besetzung eines Teiles von Paris einen Druck ausübten, von der Nationalversammlung schon 1. März in Bordeaux mit 546 gegen 107 Stimmen genehmigt. Über den definitiven Abschluss des Friedens wurde zuerst in Brüssel verhandelt, doch suchten die französischen Diplomaten die Verhandlungen zu verschleppen, bis sich Bismarck selbst ins Mittel legte und 10. Mai zu Frankfurt a. M. im Gasthof zum Schwan mit Favre den Frankfurter Frieden unterzeichnete, der, abgesehen von einigen Bestimmungen über die Zahlungen und die Okkupation, den Versailler Vertrag bestätigte.

So endigte nach einer Dauer von 190 Tagen dieser Krieg, in dem 15 größere Schlachten und weit über 100 Gefechte, fast alle für die Deutschen siegreich, geschlagen, 370.000 Franzosen nebst 12.000 Offizieren gefangen nach Deutschland abgeführt, gegen 7400 Geschütze und 107 Fahnen von den Deutschen erbeutet wurden. Im ganzen hatten (mit der Bourbakischen Armee und der Pariser Besatzung) 26.000 Offiziere und 702.000 Mann des französischen Heeres die Waffen strecken müssen. Die französischen Verluste beliefen sich auf 80.000 Tote und 14 Milliarden an Kriegskosten. Der deutsche Gesamtverlust betrug 6247 Offiziere und Ärzte und 123,453 Mann, darunter etwa 40,080 Tote. Insgesamt wurden von deutscher Seite 44,420 Offiziere und 1,451,944 Mann unter Waffen gestellt, davon 33,101 Offiziere und 1,113,254 Mann zum Kriege verwendet. Mit Ehren verloren wurden die Fahne des 2. Bataillons des 61. Regiments 23. Jan. 1871 bei Dijon und bei Mars la Tour die vom 2. Bataillon des 16. Regiments. Das Ergebnis des Krieges war nicht bloß der Wiedergewinn Elsass-Lothringens und der Festungen Straßburg und Metz, sondern auch die Gründung des neuen Deutschen Reiches, die schon während des Krieges 18. Jan. 1871 in Versailles vollzogen wurde.

Die Verwendung der fünf Milliarden

Die Kriegskostenentschädigung Frankreichs an das Deutsche Reich betrug 5 Milliarden Frank, die 1870-73 in Teilbeträgen gezahlt wurden, nebst 301,400.000 Frank Zinsen für die Stundung. Hierzu kamen noch etwa 260 Mill. Frank örtliche Kriegsschatzungen, worunter 200 Mill. von Paris. Die Zahlungen erfolgten überwiegend in Noten und Wechseln. Der Gesamtbetrag macht rund 4459 Mill. Mark, wovon 325 Mill. Fr. = 260 Mill. Mark für die abgetretenen Eisenbahnen in Elsass-Lothringen in Abzug kamen. Über mehr als 2 Milliarden wurde im Wege der Reichsgesetzgebung verfügt, der größere Teil zwischen dem Nordbund und den Südstaaten verteilt, wobei auf ersteren 1940 Mill. Mark fielen; davon blieben nach Deckung der Kriegs- und Retablissementskosten von 1856 Mill. und Tilgung der Anleihe 400 Mill. zur Verteilung an die einzelnen Staaten. Die Hauptverwendungen aus der Summe, über die reichsgesetzlich verfügt wurde, sind: 207 Mill Kriegskosten seit Mitte 1870; Reichskriegsschatz 120 Mill., Umbau der Festungen 216 Mill., Wiederherstellungskosten der bewaffneten Macht 126 Mill.; Marine 95 Mill., Kriegsdenkmünze 900.000 Mark; Invalidenfonds 561 Mill. und Invalidenpensionen bis Ende 1872: 30¼ Mill.; Dotationen an Heerführer und Staatsmänner 12 Mill.; Unterstützung von Landwehrleuten 12 Mill.; Beihilfe an aus Frankreich vertriebene Deutsche 6 Mill.; Kriegsschädenersatz an Reeder 17 Mill.; Ersatz von Kriegsschäden und Kriegsleistungen 116 Mill.; Vergrößerung des Betriebsfonds der Reichskasse 84 Mill.; Reichstagsgebäudefonds 24 Mill.; Ausbau und Ausrüstung der Reichseisenbahnen (einschl. Luxemburger Wilhelmsbahn) 172 Mill. Über die wirtschaftliche Krisis, die sich aus dem Zufluss der Milliarden entwickelte, s. Handelskrisis. Vgl. die Schriften von L. Bamberger (Berl. 1873), F. Stözel (Frankf. a. M. 1873), A. Soetbeer (Berl. 1874), sämtlich u. d. Titel: »Die fünf Milliarden«.

Bibliographie

  • »Der deutsch-französische Krieg 1870/71, redigiert von der kriegsgeschichtlichen Abteilung des Großen Geneneralstabs« (Berl. 1872-82, 5 Bde.)
  • Publikation des Generalstabs der Armee: »La guerre de 1870-1871« (Par. 1901 ff.)
  • »Tagebücher des Generalfeldmarschalls Grafen v. Blumenthal aus den Jahren 1866 u. 1870/71« (Stuttg. u. Berl. 1902)
  • Aurelle de Paladines, Louis d’: La première armée de la Loire (deutsch, Braunschw. 1874)
  • Bazaine: L’armée du Rhin (deutsch, Kassel 1872)
  • Blume: Die Beschießung von Paris 1870/71 und die Ursachen ihrer Verzögerung (Berl. 1899)
  • Blume: Die Operationen der deutschen Heere von der Schlacht bei Sedan bis zum Ende des Kriegs (3. Aufl., Berl. 1872)
  • Chanzy: La deuxième armée de la Loire (deutsch, Hannov. 1873)
  • Chuquet, A.: La guerre 1870-71 (1895; deutsch, Zittau 1895)
  • Ducrot: Siège de Paris (Par. 1875-78, 4 Bde.)
  • Engel, E.: Die Verluste der deutschen Armeen (Berl. 1872)
  • Engelhard: Rückblicke auf die Verpflegungsverhältnisse im Kriege 1870/71 (11. Beiheft zum »Militär-Wochenblatt«, 1901)
  • Faidherbe: Campagne de l’armée du Nord (deutsch, Kassel 1872)
  • Favre, J.: Le gouvernement de la défense nationale (das. 1871-75, 3 Tle.)
  • Freycinet: La guerre en province (deutsch, 3. Aufl., Gera 1877)
  • Goltz, v. d.: Die Operationen der zweiten Armee bis zur Kapitulation von Metz (Berl. 1873)
  • Goltz, v. d.: Die Operationen der zweiten Armee an der Loire (Berl. 1875)
  • Gramont, Duc de: La France et la Prusse avant la guerre (Par. 1872)
  • Junck: Geschichte des deutsch-französischen Kriegs (Berl. 1876, 2 Bde.)
  • Koschwitz: Die französische Novellistik und Romanliteratur über den Krieg von 1870/71 (Berl. 1893)
  • Lehautcour: Histoire de la guerre de 1870-1871, 1. Abt.: »La guerre contre les armées impériales« (1901 ff.), 2. Abt.: »La défense nationale« (1893-98, 8 Bde.)
  • Löhlein: Die Operationen des Korps des Generals v. Werder (Berl. 1874)
  • Moltke, v.: Geschichte des deutsch-französischen Kriegs (Berl. 1891)
  • Moser: Kurzer strategischer Überblick über den Krieg 1870/71 (3. Aufl., Berl. 1900, Bibliographie)
  • Palat: Bibliographie générale de la guerre de 1870-1871 (Par. 1896)
  • Pflugk-Harttung, v.: Krieg und Sieg 1870-71 (Berl. 1895)
  • Rousset: Histoire générale de la guerre franco-allemande (neue Ausg. 1900, 6 Bde.)
  • Schell, v.: Die erste Armee unter General v. Steinmetz (Berl. 1872)
  • Schell, v.: Die Operationen der Nordarmee unter General v. Goeben (Berl. 1873)
  • Scherr: 1870 bis 1871. Vier Bücher deutscher Geschichte (2. Aufl., Leipz. 1880, 2 Bde.)
  • Vinoy: Siège de Paris (Par. 1872)
  • Wartensleben, v.: Die Operationen der Nordarmee unter General v. Manteuffel (Berl. 1872)
  • Wartensleben, v.: Die Operationen der Südarmee (2. Aufl., Berl. 1872)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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