Bollwerk

Bollwerk der Zitadelle Spandau

Bollwerk, heißt zwar nach seiner ursprünglichen Bedeutung jedes gegen den Feind, vorzüglich in defensiver Hinsicht, aufgeführte Werk, wird jedoch in der Kriegsbaukunst im engeren Sinne mehr für Bastion genommen, wo es bloß die, nur im Polygon angelegten, vorspringenden Werke anzeigt, die dann wieder Eckbollwerke oder Mittelbollwerke sind, je nachdem sie auf den ausspringenden Winkeln des Vielecks, oder zwischen jenen auf den Seiten liegen. Ihren Ursprung haben die Bollwerke unstreitig den in alten Zeiten an die Stadtmauern gebauten Türmen zu danken.

Man hat die Bollwerke nicht nur bei den Festungen, sondern auch bei den Feldverschanzungen angewendet, um allen Punkten einer verschanzten Linie, wie bei den Festungen, eine gehörige Seitenverteidigung zu geben. Ein jedes Bollwerk hat, Fig. 80, zwei Facen, ef und fg, und zwei Flanken, de und hg, f ist die Bollwerksspitze; wo die Face und die Flanke zusammenstoßen, ist der Schulterpunkt, in e und g. Die Brustwehr zwischen zwei Bastionen heißt die Kurtine, cd, wo diese mit der Flanke zusammenstößt, d, ist der Kurtinenpunkt. Die hintere Öffnung der Bastion heißt die Kehle, der Punkt, wo sich zwei verlängerte Kurtinen durchschneiden ist der Kehlpunkt, c; die Linie af, welche den Winkel der Bastionsspitze in zwei gleiche Teile teilt, heißt die Kapitallinie. Sollen solche Bastionen bei Feldverschanzungen angebracht werden, so trassiert man erst ein Quadrat, (Fig. 51) und teilt eine Seite desselben ab in zwei gleiche Teile; auf ab in c errichte man senkrecht, und gleich 1/2 von ab, die Linie cd, und ziehe aus d die Linien da und db, verlängere sie jedoch über d hinaus; ad und bd teile man nun jede in 3 gleiche Teile, und trage ein Drittel von d nach e und f; von e aus ziehe man auf die verlängerte Linie df, senkrecht eg, und von f eben so auf die verlängerte Linie de, fh; ziehe endlich gh zusammen, und eben so ae und bf, verfahre dann auf eben diese Art bei den anderen 3 Seiten, so bekommt man eine geschlossene Schanze mit 4 Bastionen, wo z. B. gh eine Kurtine ist. Man bedient sich auch bei den Verschanzungen im Felde der halben Bollwerke (s. d.). Ferner bedient man sich, nach Einigen der Bollwerke zur Verteidigung der verschanzten Lager, wenn man Zeit dazu hat, (Fig. 58); sie werden auf 800 Fuß von einander angelegt.

Bei Festungen ist es jetzt die gewöhnlichste Art, dem Hauptwall seine Seitenverteidigung durch Bastionen zu geben; Fig. 80 ist die Figur einer solchen bastionierten Festung; in Fig. 81 sieht man in abc und in cef die Hälfte der Bastionen, cd ist die Kurtine. Alle Bastionen haben die hier angezeigte Figur, die Länge ihrer Seiten hängt jedoch vom Gelände und anderen Umständen ab; nur bei alten Festungen findet man noch die runden Bastionen, welche Rondelle heißen. Der Punkt f Fig. 80 heißt auch der Bollwerkspunkt oder die Punte, der Winkel efg, welchen die beiden Facen machen, heißt der Bollwerkswinkel, oder der bestrichene, flankierte Winkel; der Winkel abe, welchen eine Face und eine Flanke macht, heißt der Schulterwinkel; der Winkel bcd, welchen eine Flanke und die Kurtine macht, heißt der Kurtinenwinkel. Die Lage der einzelnen Seiten einer Bastion wird so eingerichtet, dass sie einander die möglichste Verteidigung geben; die Richtung, nach welcher eine Linie von der anderen verteidigt wird, heißt die Verteidigungslinie. In Fig. 81 wird die Face cf bloß von der Flanke bc verteidigt, hier ist also cf die Verteidigungslinie, und da diese bei allen Bollwerken stattfindet, so heißt sie die beständige Verteidigungslinie; die Seite fg Fig. 84 hat aber zwei solche Verteidigungslinien, cg und ng; eine solche Verteidigungslinie wie cg heißt daher die große oder einbohrende (s. Verteidigungslinie); ng heißt dann die streichende oder kleine Verteidigungslinie. Der Teil der Kurtine cn, welcher durch die beiden Verteidigungslinien bestimmt wird, heißt dann die Nebenflanke.

Alle Winkel, welche von einer Verteidigungslinie mit der daran stoßenden Flanke gemacht werden, heißen Streichwinkel; die Winkel aber, welche von zwei beständigen Verteidigungslinien gemacht werden, z. B. Fig. 81 adf heißen äußere Streichwinkel. Die Entfernung zweier Bollkwerkspunkte von einander heißt die äußere Polygonlinie, Fig. 80 af; die Entfernung der Kehlpunkte zweier Bollwerke A und C heißt die innere Polygonlinie, also AC.

Wegen ihrer Lage an der Polygonlinie heißen, wie schon gesagt, die Bollwerke entweder Eckbollwerke, wenn sie an den Endpunkten A, C und F liegen, Fig. 83, oder Mittelbollwerke, auch platte, wenn sie sich in der Mitte der Polygonlinie befinden, wie D und E. Ferner sind die Bollwerke massiv oder voll, Fig. 81 kpoq, wenn der innere Raum derselben bis an die Höhe des Wallganges mit Erde ausgefüllt ist; hohl sind sie, wenn der Wallgang in der gewöhnlichen Breite, hinter den Flanken und Facen, parallel mit der inneren Brustwehrlinie fortläuft, und der innere Raum ghiff bis auf den natürlichen Raum leer und ausgehöhlt bleibt. Wegen ihrer Lage gegen die übrigen Werke nehmen sie auch den Namen abgesonderte Bollwerke oder detachierte an, wenn sie durch einen Graben von den übrigen Teilen des Walles getrennt sind; ferner gibt es reguläre und irreguläre, zusammengesetzte oder gemischte, doppelte, abgestumpfte, tenaillierte Bollwerke und Bollwerkstürme.

Sind in einer Festung alle Facen gleich groß, alle Kurtinen einander gleich, alle Flanken, und die Winkel, so stellt ihr Umfang, wenn man die äußeren Polygonlinien zieht, eine reguläre Figur dar; Fig. 80. Diese kann in einen Kreis beschrieben werden, aflqvd; dasselbe gilt von der Figur, welche entsteht, wenn man die Kurtinen verlängert, bis sie sich durchschneiden; dann entsteht die reguläre Figur ACEGJL, deren Seiten mit denen der ersten parallel sind; der Kreis, in welchem man diese Figur beschreibt, ist mit dem ersten konzentrisch; der gemeinschaftliche Mittelpunkt heißt Mittelpunkt der Festung. aa ist der große Radius, aA der kleine Radius. Die Linie dC, welche vom Kurtinenpunkt bis zum Kehlpunkt geht, heißt die Kehllinie. Von den übrigen bei der Zeichnung einer Festung mit Bastionen nötigen Linien, Punkten und Winkel, s. Plan; von der Zeichnung selbst, s. Zeichnung. Ein Grundriss, wie Fig. 81, welcher einen Teil der Festung, nämlich zwei halbe Bollwerke und die Kurtine, nebst den zufällig davor liegenden Werken enthält, heißt der Grundriss einer Befestigungsfronte. Dimensionen nach dem neueren System: äußere Polygonlinie 960 bis 1080 Fuß; Verteidigungslinie, 600 bis 720 Fuß; Facen 240 bis 360 Fuß; Flanken 72 bis 120 Fuß; Kurtine 180 bis 480 Fuß Länge.

Bei den heutigen Festungen, besteht der ganze dieselben umgebende Wall aus nichts als Bastionen mit ihren Kurtinen. Jeder Teil der Bastion, sowie die Kurtinen, haben ihren Wallgang und ihre Brustwehr; da die Facen der Bastionen wegen ihrer Lage am meisten dem feindlichen Kanonenfeuer ausgesetzt sind, so muss ihre Brustwehr so stark wie möglich sein; eben dies gilt von den darin befindlichen Schießscharten; die Bekleidungsmauern der Facen müssen ferner vor dem Feind so gut wie möglich versteckt, und so ausgeführt sein, dass es dem Feind schwer wird, Bresche in sie zu legen. Vorzüglich aber muss man von der Face aus, die ihr gegenüberliegenden Kontereskarpe beschießen können, wenn der Feind mit seinen Arbeiten bereits bis dahin gekommen sein sollte. Wenn aber die Face zu hoch ist, wo wird ein Niederwall (Faussebraye) vor derselben angelegt, um den Feind, sobald er durch die Kontereskarpe durchbrechen will, zu bestreichen; daher nennt man die Faussebraye vor der Face auch die niedrige Face. Noch besser würden aber Kasematten unter der Face der Bastionen sein, mit Schießlöchern für Kanonen versehen, wodurch auf diese Art die doppelte Verteidigung der Facen übereinander liegt; nur der in den Gewölben bleibende Rauch würde sehr bald der Festung diese Verteidigung nehmen.

Die Flanken sind zwar dem feindlichen Feuer nicht so sehr ausgesetzt, wie die Facen, doch darf ihre Brustwehr nicht unter 20 Fuß stark sein. Von der Figur, Lage und Verdoppelung der Flanke ist unter Flanke gehandelt, doch muss hier noch bemerkt werden, dass man jetzt bei den geradlinigen Flanken gewöhnlich einen stumpfen Winkel macht, so dass Fig. 81 die Linie, welche man von e nach c zieht, gleich der von e nach h ist. Ihre Länge hängt von der größe der Bollwerkswinkel und der Länge der Facen ab; ist der Bollwerkswinkel ein stumpfer, so sind die Facen länger, und die Flanken kürzer, sie betragen dann gewöhnlich ein Drittel der Facen; ist der Bollwerkswinkel spitz, so sind die Flanken gewöhnlich der Hälfte der Facen gleich; man zieht daher die stumpfen Bollwerkswinkel vor, weil diese schon an und für sich mehr Verteidigung haben, so dass die Verlängerung der Facen, Fig. 84 gf, ungefähr auf die Mitte der Kurtine ce in n fällt, wodurch in cn noch eine Nebenflanke entsteht; die Flanke bc oder fe macht dann einen Winkel mit der Kurtine, der etwas größer als ein rechter ist, und beträgt ein Drittel der Face fg. Da jedoch die schiefen Flanken dem feindlichen Feuer mehr ausgesetzt sind, als die geraden, so hat man zurückgezogene Flanken angelegt, Fig. 83 ik; der obere dem Schulterpunkt nahe gelegene Teil der Flanke gh bleibt dann wie er ist, und heißt eine Schulterwehr, Epaulement; die Linie, nach welcher die Flanke zurückgezogen wird, heißt Brisure, und zwar ist fi die äußere, lk die innere Brisure. Die Länge der Schulterwehr ist 24, höchstens 30 Fuß; will man gerade ein Drittel der Flanke für die Schulterwehr bestimmen, so wird dieselbe öfters zu groß, wodurch also auch ein größerer Teil dem feindlichen Feuer ausgesetzt, und die Verteidigung, welche die Flanken geben, schwächer wird; da die Schulterwehr bloß die zurückgezogene Flanke dem feindlichen Feuer entziehen soll, so ist die angegebene Länge hinreichend. Was die Lage der Brisuren betrifft, so werden die inneren parallel mit der Face gezogen, oder sie sind die Verlängerung der großen Verteidigungslinie, Fig. 83 ist lk die Verlängerung von ab; die innere Brisure wird durch eine Linie bestimmt, welche man entweder aus dem Bollwerkspunkt, oder dem Schulterpunkt nach dem Punkt der Flanke zieht, wo sie zurückgezogen werden soll; hier ist diese Linie aus h nach li gezogen. Durch die innere Brisure wird hierbei die Flanke go gut wie möglich verlängert, und durch die äußere werden auf diese Art die bei i stehenden Kanonen dem Feind gänzlich entzogen, und können der etwa vom Feind in ab gelegten Bresche in den Rücken schießen. Die Länge der Brisure darf nur 20 bis 30 Fuß betragen.

Wenn man die zurückgezogene Flanke krummlinig macht, wie de in Fig. 83, so heißt dies eine tour creuse, und dann wird die Schulterwehr ebenfalls krummlinig, und heißt ein Bollwerksohr, bc.

Damit die Flanken auch den Graben vor den Facen bestreichen können, so hat man dieselben, wie schon gesagt, häufig verdoppelt; dies geschieht entweder, indem man sie vor einander legt, und die vorderen Flanken niedriger macht, wie lh in Fig. 83, oder indem man sie unter einander legt, und Kasematten unter der Flanke anbringt. Im ersten Fall heißt die eine die hohe, die andere die niedrige oder Faussebraye-Flanke; sie muss so niedrig sein, dass sie die Fläche des Grabens horizontal bestreicht, ferner durch die Schulterwehr verdeckt, und von der hohen Flanke durch einen Graben getrennt ist, damit die herabgeschossene Erde den Wallgang der niedrigen nicht unbrauchbar macht.

Die Kurtine soll einen sicheren und bedeckten Zusammenhang unter den Bollwerken gewähren, daher ist sie ebenfalls mit einer Brustwehr versehen, und wenn ein Teil derselben mit zur Verteidigung der Facen beitragen soll, so werden die Schießscharten in der Richtung der Verteidigungslinie eingeschnitten; also in cd Fig. 84 bekommen sie die Richtung von cg, und in de die Richtung von ae. Jedoch ist diese Verteidigung von keiner großen Erheblichkeit, weil die auf diese Art angelegten Schießscharten bald weggeschossen sind, daher man auch solche Nebenflanken selten anlegt; nur erhält man dadurch den Vorteil, dass auf eine leichtere Art eine Faussebraye vor der Kurtine angelegt werden kann, welche dem feindlichen Geschützfeuer mehr entzogen ist, und daher auch den Graben vor den Facen besser verteidigen kann. Der zweite Nutzen der Kurtine besteht darin, dass der Feind die Bastionen nicht in der Kehle ersteigen kann. Um aber den Feind, welcher die Kurtine erstiegen haben sollte, zu hindern, von hier gerade in das Bollwerk zu dringen, so führt man öfters zwischen beiden einen Graben, über welchen eine Brücke aus Balken erbaut ist, welche leicht abgeworfen werden kann, oder man führt Abschnitte in der Kehle des Bollwerks auf, wie g, Fig. 83 und ik, oder mnopqutr in Fig. 92, welche ihren Namen daher haben, weil sie das Bollwerk von den übrigen Teilen des Walles abschneiden.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

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