Wilna
Wilna, litauisch-russisches Gouvernement, von den Gouvernements Kowno, Witebsk, Minsk, Grodno und Suwalki umschlossen (s. Karte »Westrußland« beim Artikel »Polen«), umfasst (nach Strelbitski) 42.529,6 km² (772,4 mi²). Die Oberfläche bildet eine sandige, hügelige Ebene; eine Hügelreihe (der litauische Landrücken) durchschneidet das Gouvernement in der Richtung von Südwesten nach Nordosten und erreicht im Plateau von Oschmjany 336 m, im Kreise Lida 310–316 m. Von Mineralien sind guter Sandstein, Raseneisenstein, Lignit und Torf sowie Salzquellen, von denen einige als Bäder benutzt werden, vorhanden. Das Areal setzt sich aus 40,3 Proz. Ackerland, 27,6 Proz. Wald, 19,1 Proz. Wiese und Weide, 13 Proz. Unland zusammen. Die Flüsse gehören meist zum System des Niemen, der teilweise die Süd-, von Grodno an die Westgrenze (gegen Polen) bildet; einen Teil der Nordgrenze berührt die Düna. 400 kleine Seen und viele waldbedeckte Moräste nehmen einen bedeutenden Raum des Gouvernements ein. Das Klima ist gemäßigt; die mittlere Jahrestemperatur beträgt für Wilna -16,57°. Die Bevölkerung beziffert sich (1897) auf 1.591.207 Einw. (37 auf 1 km²), besteht aus Weißrussen (61,2 Proz.), Litauern (17,6 Proz.), Juden (12,8 Proz.) und Polen (8,2 Proz.) und ist der Religion nach mit 58,8 Proz. römisch-katholisch, 27,7 Proz. griechisch-orthodox und 12,8 Proz. jüdisch. Man beschäftigt sich viel mit Ackerbau, der genügend Roggen, Hafer und Gerste liefert, ferner mit Garten- und Wiesenkultur. Die Ernte lieferte 1905 in Tonnen: Roggen 293.872, Gerste 51.053, Hafer 126.805, Kartoffeln 772.883. Mit Flachs waren 1904: 28.226 Hektar bestellt, die 7,5 Mill. kg Flachsfaser lieferten. An Vieh zählte man 1904: 240.000 Pferde, 700.000 Rinder, 505.000 (grobwollige) Schafe und 520.009 Schweine. Die Bienenzucht ist neuerdings stark zurückgegangen. Die Industrie hat geringe Bedeutung, man zählte 1900: 1759 gewerbliche Betriebe mit 14.010 Arbeitern und 18,4 Mill. Rubel Produktionswert. Im Vordergrunde stehen Lederindustrie, Branntweinbrennerei und Bierbrauerei, Papier-, Tabak- und Hufnägelfabrikation. Wilna zerfällt in sieben Kreise: Disna, Lida, Oschmjany, Swenzjany, Troki, Wileika und Wilna. Das Gouvernement bildete den Kern des litauischen Großfürstentums, das durch die Verheiratung Jagellos mit der Polenkönigin Jadwiga 1386 mit Polen vereinigt und in der zweiten Teilung Polens von Russland erworben wurde.
Das russische Infanterie-Regiment Wilna diente 1812 in der 27. Infanterie-Division des Generalmajors Dmitri Petrowitsch Newerowski im VIII. Armeekorps unter Generalleutnant Nikolai Michailowitsch Borosdin in der 2. Westarmee des Generals der Infanterie Fürst Bagration.

Wilna (litauisch Vilnius), Hauptstadt des gleichnamigen [ehem.] russischen Gouvernements (s. oben), am Einfluss der Wileika in die Wilija, Knotenpunkt der Eisenbahnen St. Petersburg-Warschau, Wilna-Eydtkuhnen und Wilna-Rowno, hat zwei große Vorstädte (Antokol und Rudaischka), enge und unregelmäßige Straßen, 18 Plätze, 35 katholische Kirchen (darunter die 1387 erbaute St. Stanislauskathedrale mit dem Grabe des heil. Kasimir, die große Johanniskirche und die prächtige Peter-Paulskirche), drei griechisch-orthodoxe, zwei protestantische Kirchen, zwei Synagogen, eine Moschee, mehrere katholische und zwei russische Klöster, Reste eines alten Schlosses, ein kaiserliches Palais, das Oginskische Palais (Sitz der Gouvernementsbehörden), Denkmäler des Grafen Murawjew und des Dichters Puschkin, zwei Theater und (1900) 162.633 Einwohner (darunter viele Juden). Unter den zahlreichen Unterrichtsanstalten sind zu nennen: zwei klassische Gymnasien, ein Progymnasium, eine Realschule, zwei Lehrerinstitute (ein hebräisches), zw Mädchengymnasien, ein Priesterseminar. Im ganzen gibt es 227 Unterrichtsanstalten, darunter 182 jüdische. Die 1576 gestiftete und vom Kaiser Alexander I. erneuerte Universität wurde nach dem polnischen Aufstand 1832 aufgehoben. Wilna besitzt ein Museum für Altertümer, eine Bibliothek (200.000 Bände, 20.000 Handschriften), einen Botanischen Garten, eine Abteilung der kaiserlichen geographischen Gesellschaft, eine archäologische Kommission sowie 19 Zeitungen, darunter fpnf große Tageszeitungen. Dem Handel (besonders in Getreide und Holz) dienen sieben Kreditinstitute und acht Jahrmärkte. Die Industrie ist namentlich durch Lederfabriken, Sägewerke und Brauereien vertreten. Wilna ist der Sitz des Generalgouverneurs von Wilna, Grodno und Kowno, des Kommandos des Wilnaer Militärbezirks und des 3. Armeekorps, eines Appellhofs, eines griechisch-orthodoxen Erzbischofs, eines katholischen Bischofs, eines lutherischen Konsistoriums und eines Lehrbezirks.
Wilna (deutsch früher Zur Wilda oder Wildau genannt) war in heidnischer Zeit ein heiliger Ort und 1322–1795 Hauptstadt von Litauen. 1387 ließ Jagello hier an der Stelle des heidnischen Haupttempels die Kathedrale errichten. 1576–1832 hatte Wilna eine Universität. 1795 kam es mit ganz Litauen an Russland. Beim Beginn des Krieges von 1812 besetzte Napoleon I. die Stadt und organisierte von hier aus den litauischen Aufstand. Im Juni 1831 fanden hier zwei Treffen zwischen Russen und Polen statt. Während der polnischen Insurrektion 1863/64 leitete Murawjew von Wilna aus mit großer Strenge ihre Unterdrückung.
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909