Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg und Herzog in Preußen

Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst, geb. 16. Febr. (n. St.) 1620 in Cölln an der Spree (Berlin-Kölln), gest. 9. Mai 1688 in Potsdam, Sohn und Nachfolger des Kurfürsten Georg Wilhelm und der Kurfürstin Elisabeth Charlotte, einer pfälzischen Prinzessin, wurde infolge der Kriegsnöte entfernt vom Hof in einfachen Verhältnissen, aber von tüchtigen Männern erzogen; besonders wichtig für ihn wurde sein dreijähriger Aufenthalt in den Niederlanden auf der Universität zu Leiden und am Hof und im Feldlager des Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien.
Als er 1. Dez. 1640, 20 Jahre alt, zur Regierung kam, fand er sich den schwierigsten Aufgaben gegenüber: mit Preußen wollte Polen ihn nur unter den drückendsten Bedingungen belehnen, die klevischen Lande waren seit Jahren Schauplätze der Kämpfe zwischen Spaniern und Holländern und zumeist im Besitz der letzteren, die Mark war verwüstet und zu einem großen Teil von dem seit dem Prager Frieden feindlichen Schweden besetzt, während die kurfürstlichen Truppen geradezu den Gehorsam verweigerten und schlimmer als Feinde hausten. Durch Klugheit und Energie überwand der junge Fürst alle diese Schwierigkeiten: er erlangte 1641 die Belehnung mit Preußen, schloss mit Schweden einen Waffenstillstand, entließ seine verwilderten Söldner, bildete sich ein kleines, aber zuverlässiges Heer, mit dem er Frieden und Ordnung in den Marken aufrecht erhielt, und erwirkte wenigstens für seine westlichen Lande die Neutralität. Um den Abschluss des Westfälischen Friedens zu erleichtern, opferte er Vorpommern und die Mündungen der Oder und verzichtete zugunsten Schwedens damit auf seine Seehandelspläne. Von der pommerschen Erbschaft erhielt er bloß Hinterpommern sowie zur Entschädigung die Bistümer Halberstadt, Minden, Kammin und die Anwartschaft auf Magdeburg.
Figuren
- Großer Kurfürst, 54 mm Peipp Miniaturen 541101
Seine Bemühungen, nach dem Frieden die Grundlagen eines geordneten Staatswesens zu legen, ein stehendes Heer zu errichten, die Finanzen zu regeln, die Privilegien der Stände zu beschränken und die Schäden des Krieges zu heilen, wurden bereits 1655 durch den Ausbruch des schwedisch-polnischen Krieges unterbrochen. Eine selbständige Stellung zwischen den kriegführenden Mächten behauptete er, erfocht an Schwedens Seite den Sieg bei Warschau (28.- 30. Juli 1656) mit und erlangte von Karl X. Gustav die Anerkennung der Souveränität Preußens, schloss dann 1657, während der Schwedenkönig sich gegen Dänemark wendete, mit Polen unter Vermittlung des Königs Leopold von Ungarn, der des Kurfürsten Stimme für seine Kaiserwahl nötig hatte, den Vertrag von Wehlau (19. Sept. 1657), der ihm die Souveränität Preußens sicherte.
An der großen Koalition gegen Schweden und an dem Krieg in Schleswig und Dänemark beteiligt, erwarb Friedrich Wilhelm im Frieden von Oliva (3. Mai 1660) allein von allen kriegführenden Staaten einen Vorteil, da hier die Unabhängigkeit Preußens von Polen anerkannt ward. Nach Wiederherstellung des Friedens wurden die Rechte und Privilegien der Stände in den einzelnen Landschaften beschränkt, eine einheitliche, geregelte Finanzwirtschaft und unbedingte Anerkennung und im Notfall militärische Aufrechthaltung der landesherrlichen Autorität angestrebt und damit die Grundlage zu dem neuen brandenburgisch-preußischen Staat geschaffen. Am leichtesten fügten sich die Stände der Mark und der benachbarten Länder, Schwierigkeiten dagegen bereiteten die von Preußen, wo die Stände, als strenge Lutheraner, dem reformierten Kurfürsten die Anerkennung seiner Souveränität verweigerten und die Polen zum Schutz ihrer Privilegien aufriefen. Erst als die Maßlosigkeiten einiger Mitglieder die Einheit der ständischen Opposition lockerten, erhielt der Kurfürst, der an der Spitze einer ansehnlichen Truppenmacht in Königsberg erschien, 1663 die Huldigung der Stände (vgl. Kalckstein).
Durch die Einführung einer Mahl-, Schlacht- und Brausteuer in allen Provinzen gewann der Kurfürst nun die Mittel, um ein stehendes Heer zu unterhalten, das, aus den Regimentskadres gebildet, im Kriegsfall durch Werbungen leicht auf 20.000 Mann zu bringen war. Nach Möglichkeit suchte er den Wohlstand zu fördern durch Hebung des Ackerbaues, Urbarmachung von Wüstungen, Begünstigung der Einwanderung, Befreiung der Gewerbe und des Verkehrs von allerlei Schranken. Zwischen den Konfessionen suchte er Frieden und Eintracht zu stiften. Am meisten lag ihm die Entwickelung eines lebhaften Binnen- und Seehandels am Herzen: der Bau des Müllroser Kanals, die Einrichtung einer Post, die Gründung einer Marine, die Anlegung von überseeischen Kolonien (vgl. Groß-Friedrichsburg), die Errichtung einer afrikanischen Handelskompanie sollten diesem Zweck dienen. Indes seine Mittel waren zu beschränkt, die Armut des Landes zu groß und der Unternehmungsgeist der Geschäftsleute zu gering, als dass die Erfolge auch nur entfernt seinen großartigen Ideen entsprochen hätten, wie auch seine wissenschaftlichen und künstlerischen Projekte nur zum geringsten Teil verwirklicht werden konnten. Dagegen schuf er die Anfänge eines tätigen, intelligenten Beamtenstandes und eines tapfern, ergebenen Offizierkorps; im ersteren zeichneten sich die beiden Freiherren v. Schwerin, die beiden Jena, Hoverbeck, Krockow, Meinders, Fuchs u. a. aus, im letzteren Graf Waldeck, Sparr, Derfflinger, Fürst Anhalt, Schöning.
Trotz dieser rastlosen Tätigkeit im Innern verfolgte er eifrig alle politischen Ereignisse im Osten und Westen Europas, wurde aber zum Schutz seiner rheinischen Besitzungen in internationale Händel verwickelt: als Ludwig XIV. 1672 die Republik der Niederlande mit Übermacht überfiel, kam der Kurfürst dem bedrohten Nachbarstaat zu Hilfe, da er dessen Bedeutung als Bollwerk der deutschen Unabhängigkeit erkannte. Doch der Umstand, dass der mit ihm verbündete Kaiser sich im geheimen Frankreich gegenüber zur Neutralität verpflichtet hatte, verhinderte feindliche Zusammenstöße mit dem französischen Heer, das 1672–73 tief in Westfalen eindrang, und führte schließlich zu den für Friedrich Wilhelm günstigen Separatfrieden zu Vossem (16. Juni 1673).
Am 1. Juli 1674 schloss sich Friedrich Wilhelm von neuem der inzwischen verstärkten Koalition gegen Frankreich an, aber auch der gemeinsam mit den Kaiserlichen unternommene Feldzug gegen Turenne im Winter 1674 und 1675 endete infolge der Uneinigkeit der Verbündeten mit dem kläglichen Rückzug aus dem Elsass. Durch den von Frankreich veranlassten Einfall der Schweden in die Marken vom Rhein abberufen, stellte der Kurfürst durch den Überfall von Rathenow (25. Juni 1675) und den Sieg bei Fehrbellin (28. Juni) den brandenburgischen Waffenruhm wieder her, eroberte 1675–78 sämtliche Festungen Vorpommerns, nach hartnäckigem Widerstand durch eine schwierige Belagerung auch das stark befestigte Stettin und trieb in einem anstrengenden Winterfeldzug 1678–79 die in Preußen eingefallenen Schweden nach Livland zurück.
Den Preis dieser Anstrengungen und Opfer (ohne durch Hilfsgelder unterstützt zu werden, brachte er sein Heer zeitweise auf 40.000 Mann), das seit 1648 kaum verschmerzte Vorpommern, musste er jedoch im Frieden von St.-Germain (29. Juni 1679) wieder herausgeben, da ihn die Niederlande und der eifersüchtige kaiserliche Hof im Stich ließen. Entrüstet hierüber und jeden Widerstand gegen Ludwig XIV. für nutzlos haltend, schloss er sich nun eng an Frankreich an, verpflichtete sich sogar in einem geheimen Vertrag vom 25. Okt. 1679, Ludwig XIV. bei einer neuen Kaiserwahl seine Stimme zu geben, und lehnte trotz der Reunionen (s. d.) und anderer Gewalttätigkeiten Ludwigs jede Beteiligung an einer Koalition gegen den neuen Verbündeten hartnäckig ab.
Gegen Spanien, das ihm die Zahlung der schuldigen Subsidien verweigerte, erbittert, ließ er seine Flotte auf spanische Schiffe, wiewohl ohne großen Erfolg, Jagd machen; mit den Holländern geriet er ebenfalls über nicht gezahlte Hilfsgelder und über die in Guinea angelegten Kolonien in Streit und erhob dem Kaiser gegenüber Anspruch auf Entschädigung für seine Erbrechte auf Schlesien. Doch als 1685 durch die Thronbesteigung des katholischen Königs Jakob II. in England und den Widerruf des Edikts von Nantes den evangelischen Bekenntnissen Gefahren drohten, schloss der Kurfürst mit den Generalstaaten und dem Kaiser ein neues Bündnis, verzichtete gegen Abtretung des kleinen Schwiebuser Kreises auf seine schlesischen Erbansprüche und schickte sogar ein Hilfskorps von 8000 Mann gegen die Türken. Durch das Potsdamer Edikt vom 8. Nov. 1685 lud er die aus Frankreich flüchtenden Hugenotten zur Ansiedlung in seinen Staaten ein, und mehr als 15.000 folgten seinem Ruf und vergalten die gastliche Aufnahme mit der Begründung nützlicher Industriezweige, namentlich in Berlin (vgl. Hugenottenverein). Den Ausbruch des neuen Krieges mit Frankreich erlebte der Kurfürst nicht mehr. Er starb an der Brustwassersucht infolge der Gicht, an der er seit langem gelitten.
Friedrich Wilhelm war bis in das Greisenalter eine stattliche Erscheinung: eine schöne Gestalt von würdiger Haltung, ein imposanter Kopf mit wallendem Haar, später langlockiger Perücke, einer Adlernase, strahlenden, geistvollen Augen. Sein Temperament war lebhaft und leicht erregbar bis zum Jähzorn, sein Benehmen liebenswürdig und wohlwollend gegen seine Umgebung, würdevoll gegen Fremde. Im Krieg lebte er einfach und teilte mit seinen Soldaten alle Mühen und Entbehrungen, im Frieden liebte er Pracht und Feierlichkeiten. Er war zweimal vermählt, 1646–67 mit Luise Henriette, Prinzessin von Oranien, von der ihn nur ein Sohn, der Kurprinz Friedrich, überlebte, seit 1668 mit der verwitweten Herzogin Dorothea (s. Dorothea 3) von Lüneburg, gebornen Prinzessin von Holstein-Glücksburg, die ihm sieben Kinder gebar. Der Wunsch des Kurfürsten, auch seine vier Söhne zweiter Ehe, Philipp (1669 bis 1711), Karl (1672–95), Albrecht (1673–1731) und Christian (1677–1734), mit fürstlichem Besitz auszustatten, erweckte das Misstrauen des Kurprinzen gegen die Stiefmutter, so dass er schließlich das Testament des Kurfürsten umstieß. Obwohl vielfach die kriegerische Politik seit 1672 manche Früchte seiner friedlichen Tätigkeit wieder zerstört hatte, ist das Ergebnis seiner langen, vielbewegten Regierung recht bedeutend zu nennen, wenn man die Lage seiner Staaten 1640 mit der auswärtigen Stellung und der inneren Organisation Brandenburgs 1688 vergleicht. S. die Geschichtskarte beim Art. »Preußen«. Sein Reiterstandbild, ein Meisterwerk Schlüters, befindet sich auf der Kurfürstenbrücke zu Berlin (s. Tafel »Bildhauerkunst XII«, Fig. 2). Seinen Namen führt seit 1889 das schlesische Leibkürassierregiment Nr. 1.
Bibliographie
- »Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg« (Berl. 1864–1902, Bd. 1–18)
- Belling: Der Große Kurfürst in der Dichtung (Berl. 1888)
- Droysen, I. G.: Geschichte der preußischen Politik, 3. Teil: Der Staat des Großen Kurfürsten (2. Aufl., Leipz. 1870–72)
- Heyck: Der Große Kurfürst (Bielef. 1902)
- Landwehr: Die Kirchenpolitik Friedrich Wilhelms, des Großen Kurfürsten (Berl. 1894)
- Meyer, Moritz: Die Handwerkerpolitik des Großen Kurfürsten und König Friedrichs I. (Minden 1884)
- Peter, H.: Der Krieg des Großen Kurfürsten gegen Frankreich 1672–1675 (Halle 1870)
- Philippson: Der Große Kurfürst (Berl. 1897–1903, 3 Bde.)
- Pufendorf: De rebus gestis Friderici Wilhelmi (Berl. 1695)
- Prutz, H.: Aus des Großen Kurfürsten letzten Jahren (Berl. 1897)
- Schulze, R.: Das Projekt der Vermählung Friedrich Wilhelms von Brandenburg mit Cristina von Schweden (Halle 1898)
- Spahn: Der Große Kurfürst (Mainz 1902)
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909