Gebrauch des Geschützes

Gebrauch des Geschützes, begreift die ganze Taktik der Artillerie sowohl im Feld, als im Festungskrieg und Seekrieg, und richtet sich nach dem Terrain, nach der gegenseitigen Stellung, Beschaffenheit der feindlichen Truppen oder Werke usw.; s. Angriff, Artillerie, Bedienung, Beschießen, Gefecht, Geschütz, Platzierung, Schießen, Seeschlacht, Verteidigung etc.
Um eine gute Wirkung vom grobem Geschütz zu erhalten, muss man im Allgemeinen nie weiter als auf 1800 bis 2000 Schritt schießen; und nur in besonderen Fällen können hier Ausnahmen stattfinden; eben so muss man das Schießen aus der Tiefe nach der Höhe, wie auch von sehr hohen Bergen nach weit entfernten Zielen, zu vermeiden suchen. Die Auswahl des leichten und schweren Geschützes bestimmt sich im Allgemeinen danach, dass das erste da gebraucht wird, wo schnelle Bedienung und Beweglichkeit erforderlich ist; da letztere hingegen da, wo die Perkussionskraft der Geschosse bedeutende Wirkung hervorbringen soll; man wird daher sowohl im Feld, als in und vor Festungen beide Geschützarten anwenden.
1) Die Kanonen werden vorzüglich da gebraucht, wo ein freistehendes Ziel, welches wenigsten nicht beträchtlich höher oder tiefer stehen darf als das Geschütz, mit größerer Perkussionskraft erreicht werden soll, und wo der niedrig bestreichende Schuss vorteilhaft ist. Der Rollschuss ist hierbei auf Entfernungen über 1000 bis zu 2000 Schritt anwendbar, wenn das Terrain möglichst fest und eben ist, und das Ziel, z. B. tiefe Truppenmassen, oder mehrere hinter einander stehende Linien, niedrig bestrichen werden müssen. Sind die Entfernungen kleiner als 1000 Schritt, so darf die Kugel keinen Aufschlag machen, weil sonst der Bogen, in welchen sie weiter geht, zu hoch ist. Man wendet daher hier den Bogenschuss an, welcher auch bis auf Entfernungen von 1500 bis 1800 Schritt gebraucht wird, wenn das Terrain durchschnitten, und mehr Kraft der Bewegung erforderlich ist, als das Geschoss nach den Aufschlägen haben kann. – Glühende Kugeln dürfen nur im Bogen geschossen werden, weils sie sonst durch die öfteren Aufschläge an Hitze verlieren könnten. – Die Wirkung der Kartätschen beruht außer der Entfernung und der Beschaffenheit des Bodens, vorzüglich auf der Stellungsart der Truppen; gegen geschlossene, ferner gegen lange und dünne Linien werden sie am wirksamsten sein; gegen Truppenkolonnen sind sie nur unter 500 Schritt, wo sich die Kugeln noch nicht zu sehr zerstreuen, und noch Kraft der Bewegung genug haben, anwendbar; ist die Entfernung größer, und die Breite der Kolonne kleiner als der Streuungskreis, so ist das Kugelfeuer anwendbarer; gegen Truppen, welche in aufgelösten Haufen stehen, wird zwar die Wirkung des Kartätschenschusses geringer sein, doch ist er gegen solche immer noch wirksamer, als der Kugelschuss.
2) Der hohe Bogen, welchen die Granaten beschreiben, gewährt den Vorteil, den Feind auch hinter Deckungen treffen zu können. Die Haubitzen werden also im Allgemeinen immer da gebraucht, wo das Ziel durch irgend einen Gegenstand gedeckt ist, z. B. im coupierten Terrain, und gegen Verschanzungen. Nächstdem wirken ihre Geschosse durch ihr Zerspringen, und sind daher gegen größere Truppenmassen, besonders Kavallerie vorzüglich; endlich gebraucht man die Haubitze, um Städte und Dörfer zu bewerfen, teils die darin stehenden Truppen zu beschädigen, teils die Häuser in Brand zu stecken. In allen diesen Fällen muss aber das Ziel eine Ausdehnung haben, welche groß genug ist, noch Wahrscheinlichkeit des Treffens zu gewähren, weil die Granaten mehr in der Wurfweite als zur Seite abweichen; man stellt sich daher in die Verlängerung der größten Ausdehnung des Ziels, wenn es möglich ist. Auch des Rollschusses mit Granaten bedient man sich da mit Vorteil, wo diese Schussart überhaupt stattfinden darf, obgleich hierbei ein Teil der Granaten blind gehen wird, weil die Zünder beim Aufschlagen leicht Schaden leiden. Wenn die Granate auf dem Fleck, wo sie hintrifft, zerspringen soll, so muss man eine Erhöhung von 16 bis 20 Grad nehmen, weil sie sonst noch weiter rollen, und eine kleinere Ladung anwenden, weil sie mit der gewöhnlichen Ladung zu weit getrieben werden. Dann braucht man, bei der 7pfüdigen Haubitze,
Auf 900 bis 1000 Schritt ½ Pfund Ladung bei 16 Grad Erhöhung
Auf 1200 bis 1300 Schritt ½ Pfund Ladung bei 20 Grad Erhöhung
Auf 1400 bis 1500 Schritt ¾ Pfund Ladung bei 16 Grad Erhöhung
bei der 10pfündigen Haubitze
Auf 1400 bis 1500 Schritt 1 Pfund Ladung bei 16 Grad Erhöhung
Auf 1600 bis 1700 Schritt 1 Pfund Ladung bei 20 Grad Erhöhung
Auf 1800 bis 1900 Schritt 1½ Pfund Ladung bei 16 Grad Erhöhung
Beim Rikoschettieren feindlicher Festungslinien sind die Granaten deshalb vorteilhaft, weil sie bei den kurzen Entfernungen, auf welchen sie hier angewendet werden, keine bedeutend größere Seitenabweichung als die Kugeln haben, und ihr Zerspringen selbst dann noch Nutzen leisten kann, wenn sie auch ihr eigentliches Ziel verfehlen. Man kann sich ihrer auch bedienen, um eine ganze Front einer Festung unser zu machen. Die Anwendung der Kartätschen bei Haubitzen wird dadurch eingeschränkt, dass das Laden mit denselben etwas mehr Zeit erfordert, also nicht rasch gefeuert werden kann, und dass diese Schüsse nicht so weit gehen, als bei den Kanonen; doch gibt der einzelne Schuss mehr treffende Kugeln, obgleich auch nicht im Verhältnis der ganzen, in der Büchse befindlichen Anzahl. Der Gebrauch derselben wird nach gleichen Grundsätzen wie bei den Kanonen stattfinden, doch ist bei ihnen weniger das auf 300 bis 400 Schritt vor dem Geschütz liegende Terrain zu berücksichtigen, weil die Kugeln in höheren Bogen zum Teil über dasselbe hinweg gehen.
3) Die Geschosse der Mortiere werden unter noch höheren Richtungswinkeln, als die der Haubitzen geworfen; man bedient sich daher dieser Geschütze vorzüglich beim Angriff und bei der Verteidigung der Festungen, teils um das feindlichen Geschütz etc. dich hinter der Brustwehr zu beschädigen, und die Werke durch die herumfliegenden Stücke mehr unsicher zu machen, teils um den Bomben durch die Höhe, aus welcher sie herabfallen, eine bedeutende Kraft der Bewegung mitzuteilen, damit sie Gewölbe oder jede andere Bedeckungen, die nicht besonders sorgfältig gebaut sind, durchbrechen und zerstören; für diesen Zweck müssen auch die größeren Erhöhungen von 45 und 60 Grad gewählt werden. Sollen jedoch die Bomben gegen feindliche Truppen wirken, so verdient der 30te Grad den Vorzug, weil die Bomben dabei nicht so tief in die Erde dringen, wodurch ihr Zerspringen sonst unwirksam würde. Überhaupt bedient man sich der Mortiere bei Belagerungen da, wo man mit Kanonen oder Haubitzen seinen Zweck entweder gar nicht, oder doch nicht vollständig erreichen kann. Die Bomben von schwerem Kaliber dringen selbst in festgestampfte Erde tief genug ein, um bei ihrem Zerspringen gleichsam wie eine Mine zu wirken.
Die Brand- und Leuchtkugeln werden bei Mortieren insofern mit größerem Vorteil gebraucht, als sie durch ihre größere Masse mehr Wirkung leisten; sie können aber auch nicht so weit getrieben werden, wie bei den Haubitzen.
Die Spiegelgranaten und Steine sind nur auf geringe Entfernung anzuwenden, doch ersetzen sie dann gewissermaßen die Kartätschen, und erhalten durch die Höhe ihres Falls Kraft genug, den Feind wesentlich zu beschädigen, oder seine Arbeiten aufzuhalten und zu verhindern.
Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)