Smolensk

Smolensk, 1) russisches Gouvernement, zwischen den Gouvernements Pskow, Twer, Moskau, Kaluga, Orel, Tschernigow, Mohilew und Witebsk gelegen, mit einem Areal von 56.042,6 km² (1017 mi²). Der höchste Teil des Landes ist der Nordosten, wo das Quellgebiet und die Wasserscheide von drei Flusssystemen (Wolga, Dnepr und Düne) ist. Zum System des ersteren gehören die flößbare Wassusa mit dem Gshatj und die Ugra; zur Düna fließen Mesha und Kasplja, zum Dnepr Wopj, Wjasma, Sosh und Desna. Die Menge der Seen und Sümpfe bewirkt Feuchtigkeit und Rauheit des Klimas (mittlere Jahrestemperatur +4,9°, Juli 18,7°, Januar -6,9°). Trotz der starken Ausrottung der Wälder besitzen die südlichen Teile des Gouvernements noch viel Wald, der besonders auf hohen Tannen, Fichten, Birken, Eschen und Erlen besteht. Smolensk zählt 1897: 1.525.279 Einwohner (27 auf 1 km²), die teils (45 Prozent) Groß-, teils (55 Prozent) Weißrussen sind, und mit über 98 Prozent dem griechisch-orthodoxen Bekenntnis angehören. Das Land besteht aus 38,8 Prozent Wald, 31,2 Ackerland, 18,5 Wiesen und 10,7 Prozent Unland. Die Ernte lieferte 1903: 336.944 t Roggen, 214.299 t Hafer, 41.246 t Gerste, 6117 t Erbsen, 10.660 t Buchweizen, 457.576 t Kartoffeln. Sehr ansehnlich ist ferner der Flachsbau; Smolensk liefert von sämtlichen russischen Gouvernement den größten Ertrag (1903: 29.749 t) an Flachsfaser. Auch der Obst- und Gemüsebau (Kohl und Gurken) verdient Erwähnung. Die Viehzählung ergab 19034: 430.000 Pferde, 570.000 Rinder, 740.000 Schafe, 258.000 Schweine. Die Industrie ist unbedeutend; man zählte 1900: 1821 Betriebe mit 12.589 Arbeitern und einem Produktionswert von 8,7 Mill. Rubel. Hauptindustrien sind: Weberei, Ölschlägerei, Sägemühlen, Bierbrauerei und Branntweinbrennerei, Glas- und Kachelfabrikation. Zur Ausfuhr (meist nach Riga) kommen: Leinsaat, Flachs, Holz, Holzgeräte, Hafer, Leder und Öl. Smolensk zerfällt in zwölf Kreise: Bjelyi, Dorogobush, Duchowschtschina, Gshatsk, Juchnow, Jelna, Krassnyj, Poretschje, Roslawl, Smolenks, Sytschewka und Wjasm. Durch dieses Land führte einst der große Weg der Waräger nach Byzanz, und das Volk der Kriwitschen, der hier ansässige slawische Stamm, stand mit entfernten Völkern in Handelsbeziehungen, was auch die vielen aufgefundenen arabischen Münzen des 8., 9. und 10. Jahrhunderts beweisen.

Seit dem Tode Jaroslaws I. bis 1395 hatte Smolensk seine eigenen Fürsten, dann kam es an den litauischen Fürsten Witowt. Während der Kriege zwischen Moskau und Litauen verblieben Land und Städte meistens im Besitz der Litauer, bis sie 1680 bleibend an Russland kamen. Seit 1795 besteht es als selbständiges Gouvernement.

Smolensk, 2) Hauptstadt des gleichnamigen russischen Gouvernements (s. oben), liegt an beiden Ufern des Dnepr, im Kreuzungspunkt der Eisenbahnen Orel–Riga, Moskau–Brest-Litowsk und Dankow–Smolensk (und zwar die Alstadt mit der von Boris Godunow herrührenden Festungsmauer und der Türmen auf der linken Seite des Stromes), hat 43 Kirchen, darunter die Kathedrale zu Mariä Himmelfahrt (aus dem 12. Jahrhundert), ein Gymnasium, eine Realschule, ein Mädchengymnasium und -Progymnasium, ein geistliches Seminar und 32 Volksschulen, zwei Banken, fünf Zeitschriften, ein Denkmal des Komponisten Glinka und (1900) 57.405 Einwohner. Smolensk betreibt einen nicht unbedeutenden Handel mit Getreide, Leinsaat und Flachs, hat ein städtisches Elektrizitätswerk und elektrische Straßenbahn sowie 44 Fabriken mit 738 Arbeitern (Ziegeleien, Ölschlägerei, Lederfabriken).

Smolensk ist eine der ältesten Städte Russlands, war Hauptort der Kriwitschen (s. d.), wurde 882 von dem Waräger Oleg besetzt, kam 1404 an Litauen, 1515 wieder an Russland, 1611 an Polen, 1654 endgültig an Russland. Sie war eine gewaltige Festung und hatter zur Zeit Ihrer Blüte über 100.000 Einwohner. Hier siegte 17. August 1812 Napoleon I. über Barclay de Tolly und Bagration. Zwei Denkmäler zur Erinnerung an diese Schlacht und an den hier erschossenen Obersten v. Engelhardt sind in der Stadt errichtet. Bei dem Rückzug der Franzosen schlug hier Kutusow im November 1812 die französische Nachhut unter Ney und erhielt dafür den Beinamen Smolenskij.

Bibliographie

  • Fabry: Campagne de Russie 1812, Bd. 3: Smolensk (Par. 1902)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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