Peter I., Alexejewitsch, „der Große“, Kaiser von Russland

Peter I., Alexejewitsch, „der Große“, Kaiser von Russland, Sohn des Zaren Alexei und dessen zweiter Frau Natalia Naryschkin, geb. 9. Juni (30. Mai) 1672, gest. 8. Febr. (28. Jan.) 1725, verlor schon 1676 seinen Vater, dem der älteste Sohn, Feodor Alexejewitsch, folgte, unter dem Peter und dessen Mutter zurückgezogen lebten. Als Feodor 1682 starb, ward Peter mit Übergehung des älteren, schwachsinnigen Bruders Iwan zum Zaren ausgerufen. Sophie jedoch, Iwans leibliche Schwester, gewann die Strelizen für den Plan, dass Iwan und Peter gemeinschaftlich Zaren seien, sie selbst aber das Reich verwesen solle. Iwan und Peter wurden daher 5. Juli 1682 gekrönt; die Regierung aber befand sich in den Händen Sophiens, die 1686 sogar den Titel Selbstherrscherin annahm.

Figuren

  • Peter I. der Große, Zar und Großfürst von Russland, 28 mm Reiver PER1
  • Peter I. der Große, Zar und Großfürst von Russland, 25 mm Minifigs MALCX 11
  • Peter I. der Große, Zar und Großfürst von Russland, 15 mm Minifigs 99LC

Auf Peters Erziehung hatte Boris Galizyn Einfluss, der den lernbegierigen Knaben in Preobrashensk durch Ausländer in den Anfängen des Schiffbaues und des Kriegswesens unterrichten ließ. Bald nachdem sich Peter 6. Febr. 1689 mit Eudoxia Lopuchin vermählt hatte, wurde Sophie eines Mordanschlags auf den jungen Zaren beschuldigt und in das Jungfrauenkloster bei Moskau verwiesen. Iwan überließ dem Bruder gern die Regierung. Um die Macht der Strelizen zu brechen, bildete er mit Hilfe fremder Offiziere das Heer um. Mit gleichem Eifer suchte er seinem Reich eine Flotte zu schaffen. Nachdem er 1697 eine Verschwörung unterdrückt und einen Teil der Strelizen an die Grenzen des Reiches verteilt hatte, trat er im März 1697 im Gefolge einer nach Holland bestimmten Gesandtschaft, an deren Spitze Lefort, Golowin und Wosnizyn standen, unter dem Namen Peter Michailow eine Reise ins Ausland an. Er ging über Riga, Mitau, Königsberg und Berlin nach Holland und arbeitete in Matrosentracht auf einer Schiffswerft in Amsterdam und Zaandam als Zimmermann, bis er sich den Meistertitel erworben. Anfang 1698 ging er nach England, wo er über 500 Handwerker und Techniker aller Art in seine Dienste nahm. Die Universität Oxford überreichte ihm das Doktordiplom. Von Holland, wo der Hauptzweck seiner Gesandtschaft, von den Generalstaaten eine Flotte gegen die Türken zu erhalten, gescheitert war, ging er nach Sachsen und von da nach Wien. Am 4. Sept. 1698 traf er wieder in Moskau ein und ließ ein schweres Strafgericht über die Strelizen ergehen, die wieder einen Aufstand erregt hatten. Auch Eudoxia musste ins Kloster wandern; die Strelizen aber verteilte der Zar über das Reich, so dass sie allmählich verschwanden. Von nun an folgten die Neuerungen und Reformen mit stürmischer Eile. Der altrussische Jahresanfang im Herbst wurde vom 1. Jan. 1700 an abgeschafft, europäische Tracht und Sitten eingeführt, wenigstens in den höheren Ständen. Der am 3. Juli 1700 mit der Pforte abgeschlossene 30jährige Friede sicherte Russland das 1696 eroberte Asow als Schlüssel zum Schwarzen Meer; um nun auch an der Ostsee Fuß zu fassen, verbündete sich Peter mit Dänemark und mit König August II. von Polen gegen Schweden. Bei Narwa von Karl XII. 20. Nov. 1700 aufs Haupt geschlagen, erhielt er durch seines Gegners Feldzüge in Polen Gelegenheit, Ingermanland zu erobern, wo er 1703 den Grund zu der künftigen Hauptstadt seines Reiches legte. Karls XII. Niederlage bei Poltawa (8. Juli 1709) bezeichnete das Ende der schwedischen Übermacht, worauf sich Livland, Estland und Karelien Peter ergaben. Da es Karl XII. gelang, die Pforte zu bewegen, 1. Dez. 1710 den Krieg an Russland zu erklären, überschritt Peter 27. Juni 1711 die Grenze der Moldau. Da er aber 19. und 20. Juli die Schlacht am Pruth verlor und dort eingeschlossen wurde, musste er in dem Frieden von Hush vom 23. Juli den Türken Asow wieder ausliefern. 1713 brachen die Russen durch Finnland in Schweden ein, und die russische Flotte siegte bei den Alandsinseln 7. Aug. 1714 über die schwedische. Durch den Nystader Frieden 10. Sept. 1721 kamen Estland, Livland, Ingermanland und Karelien mit Wyborg-Län an Russland. Nach einem Dekret des dirigierenden Senats und des Synods ward Peter 2. Nov. 1721 in Petersburg feierlich als Kaiser ausgerufen. 1722 zog er mit über 100.000 Streitern gegen Persien und eroberte Derbent, gab jedoch die weitere Expedition auf, da Stürme die russische Flotte auf dem Kaspisee zerstreuten. Im Frieden vom 12. Sept. 1723 trat Persien Derbent, Baku, Gilan, Masenderan und Astrabad an Russland ab, das diese Provinzen übrigens wenige Jahre später aufgab. Trotz der Kriege führte er wichtige Reformen durch. Er ersetzte den früheren Bojarenrat durch den Senat (1711). 1718 folgte die Einrichtung der Kollegien, unter welche die Geschäfte der Regierung verteilt wurden. Auch in den Provinzen und Städten suchte Peter durch Begründung von Kollegialbehörden die Selbstverwaltung vorzubereiten. Anderseits suchte er in allen Stücken die Staatsaufsicht und Kontrolle zu verschärfen, vornehmlich um die Moral des Beamtenstandes zu bessern. Zur Hebung der Staatseinnahmen musste Peter neue Steuersysteme einführen, wobei das Volk vielfachen Bedrückungen ausgesetzt war. Unermüdlich tätig war Peter auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik, indem er Handwerke und Manufakturen, Handel und Verkehr durch Kanalbauten, auch Bergwesen und Forstkultur zu beleben suchte. Den bäuerlichen Zuständen widmete er geringere Aufmerksamkeit. Zur Steigerung der monarchischen Gewalt auf dem Gebiet der Kirche ward die Patriarchenwürde abgeschafft und der heilige Syn od 1721 errichtet. Peter beschränkte die Zahl der Klöster und hielt die Mönche und Nonnen zu nützlicher Tätigkeit an. Hierbei unterstützte ihn der ihm geistesverwandte Erzbischof von Nowgorod, Theophan Prokopowitsch. Gegen die Sekten war Peter duldsam. Für das Bildungswesen sorgte er durch die Gründung von Schulen und Druckereien, durch Verbreitung fremder, in das Russische übersetzter und einheimischer Schriften, durch Veranstaltung geselliger Zusammenkünfte für Männer und Frauen nach der Sitte des Abendlandes und durch die Gründung der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, deren Eröffnung übrigens erst unter seiner Nachfolgerin stattfand. Besonders liebte er die Naturwissenschaften und die Geographie (vgl. K. E. v. Baer, Peters d. Gr. Verdienste um die Verbreitung geographischer Kenntnisse, Petersb. 1872). Peter war von zarter Leibesbeschaffenheit. Im Spätherbst 1724 erkrankte er infolge einer Erkältung, die er sich bei der Rettung eines gestrandeten Bootes zugezogen; er starb, ohne eine Verfügung wegen des Thrones getroffen zu haben, und es folgte ihm seine Gemahlin Katharina I. auf demselben. Peter war roh und in seinen Leidenschaften, Wollust und Trunksucht, oft zügellos; er belustigte sich gern in rauschenden Vergnügungen und bei burlesken Aufzügen; aber stets beseelte ihn ein hohes Pflichtgefühl, und nie ließ er den Staatszweck außer Augen. Eine mächtige Herrschernatur, ein Reformator von klarem Wissen und Wollen, ist er Gründer des russischen Staates geworden. Am 18. Aug. 1782 wurde sein Denkmal von Falconet in Petersburg enthüllt (s. Sankt Petersburg).

Das sogen. Testament Peters d. Gr., nach dem das russische Volk die Bestimmung hätte, in der Zukunft die Herrschaft in Europa zu erhalten, ist eine Erfindung, wenn nicht sogar ein Diktat Napoleons I. und stammt aus einem 1812 vermutlich auf dessen Bestellung von Lesur geschriebenen Buch: »Des progrès de la puissance russe«; vgl. Berkholz, Napoléon I, auteur du Testament de Pierre le Grand (Riga 1863; deutsch, Petersb. 1877), und Breßlau in der »Historischen Zeitschrift«, 1879.

Bibliographie

  • Bain, R. N.: First Romanovs; history of Moscovite civilisation and rise of modern Russia under Peter the Great and his forerunners (Lond. 1905)
  • Browning, O.: Peter the Great (Lond. 1898)
  • Brückner, A.: Peter d. Gr. (in Onckens »Allgemeiner Geschichte«, Berl. 1879)
  • Golikow: Dejanir Petra Welikawo (Mosk. 1788–97, 30 Bde.)
  • Herrmann: Rußland unter P. d. Gr. (nach Vockerodts und Players Berichten, Leipz. 1872)
  • Miljukow: Die Staatswirtschaft Rußlands zu Anfang des 18. Jahrhunderts und die Reform Peters d. Gr. (russ., Petersb. 1892)
  • Minzloff: Pierre le Grand dans la littérature étrangère (Par. 1872)
  • Ustrjalow: Istorija zarstwo wania Petra Welikawo (Petersb. 1858–63, 6 Bde.)
  • Sadler: P. d. Gr. als Mensch und Regent (Petersb. 1872)
  • Schmurlo: Peter d. Gr. in der russischen Literatur (russ., Petersb. 1889)
  • Schuyler: Peter the Great, a study (2. Aufl., New York 1891, 2 Bde.)
  • Waliszewski, Pierre le Grand (Par. 1897; deutsch von Bolin, Berl. 1899, 2 Bde.)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

Figuren des Siebenjährigen Krieges