Preußischer Generalleutnant Karl Heinrich von Wedell

Karl Heinrich von Wedell, preußischer Generallieutenant und Kriegsminister, der „Dictator“, am 12. Juli 1712 auf dem väterlichen Gute Göritz bei Prenzlau in der Uckermark geboren, trat, nachdem er daheim und auf Berliner Schulen eine gute wissenschaftliche Ausbildung erhalten hatte, im Jahr 1727 beim Leib-Regiment zu Fuß (Nr. 6) in den Heeresdienst, wurde am 3. April 1729 zum Fähnrich, am 1. März 1734 zum Secondlieutenant ernannt, kam, als Friedrich II. nach seiner Thronbesteigung aus jenem Regiment, seines Vaters Riesengarde, ein Bataillon, das Bataillon Grenadier-Garde, bildete, zu letzterem, mit welchem er als Kompagniechef den Ersten Schlesischen Krieg mitmachte, und ward im August 1743 zum Infanterie-Regiment v. Keith (Nr. 26) versetzt. In diesem ward er im nämlichen Jahr zum Major, im September 1751 zum Oberstlieutenant befördert, im Juni 1752 verlieh ihm der König den Orden pour le mérite. Am 21. Juni 1755 zum Oberst ernannt, rückte Wedell, als der Siebenjährige Krieg ausbrach, an der Spitze jenes Regiments (jetzt Meyerinck) ins Feld. Gelegentlich der Schlacht bei Leuthen am 5. Dezember 1757 wird sein Name in der Kriegsgeschichte zum ersten Mal genannt. Am 28. November war er im Lager von Parchwitz zum Generalmajor und Brigadier befördert. Am Schlachttage gehörte er zur Avantgarde, ihm war übertragen den ersten Angriff auszuführen, welcher glänzenden Erfolg hatte und dessen Gelingen zum Sieg wesentlich beitrug. Der König dankte Wedell dadurch, dass er ihn zum Chef des Infanterieregiments von Schultze (Nr. 29), am 28. Januar 1758 aber zum Chef des erledigten Regiments Nr. 26 ernannte, welches fortan seinen Namen führte. In diesem Jahr begann Wedells Tätigkeit im Felde mit der Teilnahme an der Belagerung von Olmütz. Dem preußischen Heer lag dabei eine doppelte Aufgabe ob, Olmütz einzunehmen und die außerhalb der Festung stehenden Österreicher fernzuhalten. Bei der Erfüllung des zweiten Teiles fand Wedell Verwendung, am 25. Mai ward er – mit drei Bataillonen, einem Husarenregiment und 200 Mann von FreibataillonenLaudon, zu dem später noch Harsch stieß und die bei Konitz standen, gegenübergestellt. Er entledigt sich seines Auftrages mit Geschick und Erfolg; als die Belagerung aufgegeben werden musste, gehörte er wieder zur Avantgarde. Der König wandte sich nun gegen die Russen, die er am 25. August bei Zorndorf schlug; Wedell blieb inzwischen unter dem Markgrafen Karl zur Deckung von Schlesien zurück, als aber im September die Schweden Berlin bedrohten, ward er mit 4000 Mann diesen entgegengesandt. Er schlug den General Hamilton am 25. Sept. bei Fehrbellin, überfiel den General Hessenstein in der Nacht vom 14./15. Oktober in Boitzenburg und verfuhr überhaupt so geschickt, dass er seinen Gegner ganz aus der Uckermark verdrängte: der König „marquirte“ und schrieb ihm seine Zufriedenheit, „daß er Wedell‘s gute und vernünftige Anstalten nicht genug rühmen könne“. Sobald er letzteren den Schweden gegenüber entbehren konnte, entsandte er ihn auf einen anderen Kriegsschauplatz, indem er ihn zur Abwehr feindlicher Streifereien nach Sachsen marschieren ließ, wo es aber zu wichtigeren Ereignissen nicht mehr kam. Es trat alsbald die Winterruhe ein, von welcher Wedell freilich zunächst ausgeschlossen war, da ihm aufgetragen wurde in den anhaltischen Fürstentümern starke Beitreibungen vorzunehmen. Auch hier fanden seine Maßregeln und Erfolge den Beifall des Königs. Ein Handschreiben aus Breslau vom 18. Dezember sprach die Anerkennung derselben aus und enthielt zugleich die Mitteilung der Verleihung einer Präbende in Magdeburg mit der Befugnis dieselbe zu verkaufen, der König veranschlagte ihren Wert auf 4000 Taler. Im Januar 1759 bat Wedell um Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit, der König bewilligte denselben mit dem Zusatz, „denn ich Eurer dieses Jahr in meinem Dienst noch sehr nöthig habe und darunter noch auf Euch rechne“, am 26. Februar ernannte er ihn zum Generallieutenant.

Bei Beginn des Feldzuges vom Jahre 1759 kam es darauf an die Vereinigung der Österreicher mit den Russen zu hintertreiben. Dazu galt es an der Grenze Schlesiens scharfen Auslug nach dem zu halten, was in Böhmen vorging. Zu den Generalen, denen dieser Auftrag anvertraut war, gehörte Wedell; mit einer gesonderten Heeresabteilung stand dieser bis zu Anfang des Monats Juli bei Trautenau. Als dann die durch die von Posen anrückenden Russen drohende Gefahr immer größer wurde und der König dem ihnen gegenüberstehenden Dohna, im Hinblick auf dessen bisherige ungenügende Leistungen, nicht die Fähigkeit zutraute ihren Marsch aufzuhalten, enthob er ihn seines Kommandos und übertrug dasselbe an Wedell, von dessen „absonderlichen Capacitäten und Meriten er eine hohe Meinung hatte“. Schon als er diesem im Jahr 1758 den Oberbefehl gegen die Schweden übertrug hatte er ihn unter den jüngeren Generallieutenants ausgesucht, jetzt ordnete er ihm sogar ältere Generale unter. Die Angabe, dass er Wedell durch eine förmliche Vollmacht zum „Dictator“ bestellt habe, ist durch die Herausgabe der Politischen Correspondenz des Königs (18. Bd., 2. Hälfte) widerlegt. Seine Bezeichnung als solcher beruht auf des Ersteren „Histoire de la guerre de sept ans“. Hier schreibt der König (II, 13): „Le roi, étant informé de la confusion, qui regnait dans cette armée ..... envoya M. de Wedell, qui en prit le commandement comme dictateur quoiqu‘il ne fût pas le plus ancien par le grade“ und den nämlichen Titel legt er Wedell in einem aus Schmottseifen am 20. Juli an den Prinzen Heinrich gerichteten Brief bei, in dem er schreibt: „Je l‘ai fait dictateur pour la durée de cette commission“ (Politische Correspondenz, XVIII, Nr. 11241). Als der König Wedell entließ, befahl er ihm ausdrücklich die Russen anzugreifen, wo er sie fände, sie zu schlagen und ihre Vereinigung mit den Österreichern zu hindern. In einer vom König eigenhändig geschriebenen, vom 21. Juli datirten Instruction heißt es, Wedell solle „den Feind erstlich durch eine gute Position aufhalten“ und ihn „alsdann nach des Königs Manihr attaquiren“. Am 22. Juli traf Wedell in Züllichau ein und trat sein Kommando an, am 23. unternahm er eine Erkundung des Geländes, welche um so schwieriger war, als Dohna die vorhandenen Karten für sich behalten hatte. Aber die an Truppenzahl weit überlegenen, von Saltikow befehligten Russen waren bereits im Anmarsche, sie drohten die preußische Stellung zu umgehen und Wedell musste wählen, ob er sich dem Feinde vorlegen oder ob er sich dem Zusammenstoße entziehen wolle. Eingedenk der ihm erteilten Weisung entschloss er sich zum Angriff und gab seine Befehle für denselben aus, aber die ihm unbekannte Gestaltung des Geländes vereitelte seinen Plan, die auf die Voraussetzung von dessen Gangbarkeit begründeten Anordnungen erwiesen sich als unausführbar und Wedell erlitt eine vollkommene Niederlage, doch gestattete ihm die Unthtigkeit des Feindes die Trümmer des geschlagenen Heeres unbehelligt auf das linke Oderufer zurückzuführen. Es war die Schlacht bei Kay oder Züllichau. Der König verurteilte Wedell nicht, er tröstete ihn vielmehr. Nur den Schwarzen Adlerorden, den sonst die Generallieutenants bald nach ihrer Ernennung zu erhalten pflegten, hat er ihm nie verliehen, wie er diese Auszeichnung überhaupt jedem vorenthielt, bei dem quelque chose avait cloché (E. Schnackenburg, das Invaliden- u. Versorgungswesen des brandenburgisch-preußischen Heeres bis zum 1806, Berlin 1889, S. 96). Am 27. Juli schrieb der König ihm „Halte er Sich nuhr unbeschedigt, bis Wihr heran seindt, dan sol Zahl Woche gehalten werden und sol der Feindt sich nicht lange Seines glückes zu freuen haben.“ Die Zahlwoche kam, aber die Abrechnung fiel nicht zu Gunsten der preußischen Waffen aus, denn am 12. August wurde Friedrich selbst bei Kunersdorf geschlagen. Wedell, welcher die Infanterie vom linken Flügel des ersten Treffens befehligte, wurde schon im Anfang der Schlacht beim Angriff auf den Spitzberg durch eine Verwundung kampfunfähig gemacht. Nach seiner Wiederherstellung kam er zur Armee des Prinzen Heinrich, welchen er am 29. Oktober bei Torgau traf. Als diesem gegenüber Daun sich auf Dresden zurückzog bestand Wedell gegen dessen Nachhut am 14. November bei Körbitz ein hitziges, aber glückliches Gefecht, während der nun folgenden Belagerung der sächsischen Hauptstadt beobachtete er an der Spitze einer gesonderten Heeresabteilung das Erzgebirge und auch im Anfang des Winters blieb er mit dieser Aufgabe betraut. Das Geschick mit welchem er sich derselben entledigte, veranlasste den König ihm am 5. Februar, von Freiberg aus zu schreiben „So gereicht mir Euere darunter gehabte Attention zu besonders gnädigen Gefallen"; als dann der Prinz Heinrich für eine Zeitlang die Armee verließ und Markgraf Karl an seiner Stelle den Oberbefehl übernahm, ward Wedell ihm an die Seite gegeben und der König „avertirte ihn im Vertrauen, daß er Sich dabei hauptsächlich auf ihn verlaße“, Wedell möge sich beim Markgrafen dergestalt insinuieren, dass dieser Alles mit ihm überlege. Die von Wedell entwickelte Tätigkeit, die bis zum 25. April dauerte, trug ihm einen weiteren Dank des Königs ein. Nachdem er sodann an der erfolglosen Belagerung von Dresden teilgenommen hatte, bildete der am 15. August 1760 erfochtene Sieg bei Liegnitz, wo Wedell wiederum den rechten Flügel der Infanterie vom ersten Treffen, drei Brigaden stark, kommandirte, den Schlussstein seiner Verwendung im Felde.

Seine Gesundheit war erschüttert. Er bat um Urlaub und begab sich auf sein Gut Göritz, aber schon am 11. Dezember berief ihn ein Befehl des Königs nach Berlin, damit er an des verstorbenen Etatsministers v. Katte Stelle die Geschäfte der Heeresverwaltung übernähme, und am 25. Januar 1761 ward er durch ein königl. Handschreiben zum Ministre de Guerre ernannt. Er ist somit der Erste, welcher den Titel eines preußischen Kriegsministers geführt hat. Sein Jahresgehalt betrug 5000 Taler, der Stelle als Regimentschef war er auf sein Ansuchen bereits am 25. Dezember 1760 enthoben. Dreizehn Jahre lang ist Wedell in seiner neuen Stellung, vom höchsten Vertrauen des Königs getragen, verblieben, dann bat er, durch seine Gesundheit gezwungen, Anfang Dezember 1773 um seine Entlassung, aber der König glaubte nicht, dass sein Gesundheitszustand ihn an pflichtmäßiger Wahrnehmung seiner Amtspflichten, „bei denen so viele Arbeit ja nicht vorfiel“, hindern würde und verweigerte ihm den Abschied; als der Bayerische Erbfolgekrieg bevorstand befahl er ihm sogar zu der im Felde stehenden Armee zu gehen. Auf Wedells Vorstellungen stand er jedoch von der Befolgung des Befehls ab und, als Wedell im folgenden Jahr sein Entlassungsgesuch wiederholte, genehmigte er es am 3. September 1779. Eine Cabinetsordre dankte nochmals für die von Wedell geleisteten Dienste, die dem König unvergesslich sein würden, und versprach, dass Friedrich sich gelegentlich ein Plaisir daraus machen würde, zeigen zu können, dass er stets Wedells gnädiger König sein werde. Ein Ruhegehalt ward ihm nicht ausgesetzt. Der König unterließ dies bei wohlhabenden Offizieren häufig, vielleicht hielt er auch Wedell durch die ihm verliehene Pfründe für abgefunden. Als Wedell im Frühjahr 1780 bat ihm eine Pension zu bewilligen, schlug Friedrich das Gesuch ab, weil das Geld etwas knapp sei, vertröstete ihn aber auf die Zukunft, indem er schrieb, dass er ihm nicht alle Hoffnung nehmen wolle (Schnackenburg a. a. O.). Die Aussicht ist nie verwirklicht worden. Wedell starb schon am 2. April 1782 zu Göritz, die Klagen über seinen leidenden Gesundheitszustand waren begründet gewesen. Sein Name findet sich auf den Ehrentafeln des Friedrichsdenkmals unter den Linden zu Berlin. Eine von Wedells Töchtern war an des Königs Generaladjutanten, den General Heinrich Wilhelm von Anhalt, verheiratet.

Bibliographie

  • Wedell, M. v.: Ein preußischer Dictator, Berlin 1875 (Sonderabdruck aus den Jahrbüchern für die Deutsche Armee und Marine, 18. Bd.)

Quelle: Poten, Bernhard von, „Wedell, Karl Heinrich von“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 41 (1896)

Figuren des Siebenjährigen Krieges