Makedonien

Makedonien oder Mazedonien (lat. Macedonia), Landschaft Nordgriechenlands von sehr wechselnden Grenzen, die zur Zeit ihrer größten Ausdehnung nach Philipp II. ungefähr die Unterläufe der Flüsse Strymon (Struma), Axios (Wardar) und Haliakmon (Wistritza) umfasste. Erstere beiden, einander parallel laufend, sind nur durch Hügelland oder niedrige Gebirge (Kerkine und Dysoron, jetzt Kurscha-Balkan) voneinander getrennt, aber ringsum durch Hochgebirge umschlossen. Im Osten scheiden das Pangäon (Bunar Dagh) und der Orbelos (jetzt Perim Dagh), im Norden der Skomios (Witosch) und Skardos (Schar Dagh), im Westen das Boiongebirge (Grammos) diese Stromgebiete von Thrakien, Illyrien und Epirus. Der mächtige Olympos und die niedrigen Kambunischen Berge trennen es von Thessalien. Als größere Ströme sind zu nennen: Erigon (heute Tzerna), ein rechter Zufluss des Axios, Haliakmon, zwischen diesem und dem Axios der kurze, wasserreiche Ludias (Moglenitiko), der Echedoros (Galliko) und der Angites (Angista), ein Zufluss des Strymon. Ein eigenes Gebiet für sich bildet die Landschaft Eordäa (s. d.), das Becken des Sees von Ostrowo, rings von hohen Bergen umschlossen, nach Osten vom Bermios (1800 m, jetzt Doxa), nach Norden vom Bora (2517 m, jetzt Nidsche), nach Westen und Süden von der bis 2068 m ansteigenden Kette des Peristeri. Ein fast durchweg enges Tal, das sich nur in seinem Unterlauf zu einer fruchtbaren Ebene erweitert, durchfließt der Strymon. Die Oberläufe der Hauptflüsse liegen so hoch (bis 860 m), daß das Klima für 40–41° nördl. Breite rau zu nennen ist und die aus Eichen, Buchen und Fichten bestehenden Wälder einen durchaus nördlichen Charakter tragen. Doch sind die Gebirgsgegenden zur Viehzucht gut geeignet und bargen in ihrem Innern Metalle aller Art, besonders Gold und Silber (im Pangäon, bei Philippi und im Dysoron waren reiche Gruben, die jetzt verschollen sind). Groß ist die Anzahl ansehnlicher Seen, deren alte Namen wir zum Teil nicht mehr wissen. Bekannt sind nur die des Begorritis (Sary Göl, südlich von Ostrowo), Bolbe (Beschik Göl, östlich von Saloniki), Kerkinitis (Tachyno Göl, durch den der Strymon fließt) und Prasias (See von Butkowo). Von einzelnen Landschaften mit ihren Städten sind zu nennen: Päonien, am mittleren Strymon und Axios, mit der Hauptstadt Stobi; Pelagonien (s. d.), westlich davon, am oberen Erigon, mit Stubera; Lynkestis (s. d.), am mittleren Erigon, mit Heraklea Lynkestis (jetzt Bitolia); Orestis (s. d.), am oberen Haliakmon, mit Keletron; Elimiotis (s. d.), am mittleren Haliakmon; Eordäa, nordöstlich vom vorigen; Pierien (s. d.), am nördlichen Fuß des Olympos, mit den Städten Dion, Pydna und Methone; Emathia (s. d.), der westliche Teil der Strandebene, mit Beröa (Weria), Kition, Ägä oder Edessa (jetzt Wodena); südöstlich davon Bottiäa, die Küstengegend, mit Pella, der späteren Residenz; nördlich davon Almopia, am oberen Ludias (heute Moglena, s. d.); zu beiden Seiten des unteren Axios Amphaxitis; Mygdonien, nördlich von der Chalkidike, mit Thessalonike (Saloniki); östlich vom vorigen am unteren Strymon Bisaltia, nördlich Krestonia. Im unteren Strymonbecken lagen die großen thrakischen Städte Heraklea Sintike und Siris (Seres), in Edonien (s. d.) am Pangäongebirge Amphipolis (jetzt Marmara) und Philippi (jetzt Filibedschik). Erst spät kam auch die Halbinsel Chalkidike zu Makedonien. S. Karte »Altgriechenland« (Bd. 8).

Neuerdings hat man sich wiederum gewöhnt, den Namen Makedonien im Sinne der Alten, d. h. für das jetzige Wilajet Saloniki und den Süden des Wilajets Monastir (s. Karte »Europäische Türkei«), zu gebrauchen. Für gewöhnlich bezeichnet man als Makedonien die Flussgebiete der Mesta, Struma und des Vardar oder die Wilajets Kosovo, Monastir und Saloniki. Dieses Gebiet, 96.000 km² mit 3 Mill. Einwohnern, ist der eigentliche Tummelplatz des Nationalitätenstreites auf der Balkanhalbinsel, weil die auch kirchlich völlig gespaltene Bevölkerung Mazedoniens ein Gemisch der verschiedensten Völkerschaften ist, unter denen sich vor allem Bulgaren, Serben und Griechen einander schroff gegenüberstehen. Sicher ist nur, dass im Innern das slawische Volkselement zweifellos vorherrscht, während die Küstengebiete in zusammenhängender Masse von Griechen bewohnt werden. Dazwischen sind osmanische Türken in größeren oder kleineren Inseln zerstreut, während die Albanesen vorwiegend den Westen einnehmen. Peucker gliedert die Bevölkerung nach Nationalität und Religion folgendermaßen: 550.000 muslimische Türken, 240.000 orthodoxe Griechen, 1.215.000 orthodoxe und 140.000 muslimische Slawen (Bulgaren und Serben), 10.000 katholische, 12.000 orthodoxe und 615.000 muslimische Albanesen, 93.000 orthodoxe Walachen, 63.000 Juden, 38.000 muslimische Zigeuner, 24.000 orthodoxe Türken, muslimische Walachen, muslimische Griechen und Fremde.

Geschichte

Der Kern des Volkes wohnte in dem Bergland am oberen Haliakmon und war ein bei der Wanderung dort zurückgebliebener Teil des griechischen Stammes; obwohl die Griechen die Mazedonier Barbaren nannten, leiteten sie den Stammbaum ihrer Könige von einem Sohn des Zeus und der Thyia, einer Tochter des Deukalion, ab und zogen sie zu den Olympischen Spielen zu. Das alte Stammkönigtum hat sich in Makedonien erhalten und seine Geschichte bestimmt. Als erster König und Gründer des Reiches wird Perdikkas I. genannt (um 700 v. Chr.). Unter seinen vier Nachfolgern dehnten sich die Grenzen des Landes im Süden schon bis zum Olymp und den Kambunischen Bergen, im Osten bis zum Strymon aus, als unter Amyntas I. (540–498) die Annäherung der Perser den Eroberungen ein Ziel setzte; dessen Sohn Alexander I. „Philhellen“ (489–454) musste sogar Xerxes I. Heeresfolge leisten. Während Alexanders vier Söhne um die Herrschaft haderten, gelang es den Athenern, sich einer großen Anzahl von Küstenstädten zu bemächtigen und das wichtige Amphipolis zu gründen. Kaum aber hatte einer der Brüder, Perdikkas II. (436–413), sich nach Beseitigung der übrigen der Alleinherrschaft bemächtigt, so machte er, mit kluger Benutzung der Zerwürfnisse unter den griechischen Staaten während des Peloponnesischen Krieges, Makedonien wieder frei und mächtig. Ihm folgte nach Ermordung der näher berechtigten Erben sein natürlicher Sohn Archelaos (413–399). Dieser, ein Freund hellenischer Bildung, suchte dieselbe auch unter den Mazedoniern zu verbreiten, verlegte deshalb, um der griechischen Welt näher zu rücken, seine Residenz von Ägä (Edessa) nach Pella und berief bedeutende Männer, wie Hippokrates, Zeuxis, Euripides u. a., an seinen Hof. Wichtiger noch war die Beförderung des Ackerbaues, Anlegung von Landstraßen, Befestigung der Städte, Einrichtung des Heeres nach griechischer Weise etc. Nach seinem Tod trat wieder eine traurige Zeit ein, voll von inneren Unruhen, die das Land an den Rand des Abgrundes brachten, bis endlich Philipp II. 359 die Regierung antrat und der Schöpfer der weltgeschichtlichen Größe seines Vaterlandes wurde. Über seine und Alexanders d. Gr. Regierung s. Philipp 2) und Alexander 1). Bei der Verteilung der Provinzen der Weltmonarchie Alexanders blieben Makedonien und die Nachbarländer nebst Griechenland dem Antipatros I., den Alexander bei seinem Abzug nach Persien als Reichsverweser für jene Länder eingesetzt hatte, jedoch mit der Einschränkung, dass ihm Krateros mit dem Ehrenrang eines Regenten für die inneren Angelegenheiten an die Seite gesetzt wurde. Krateros fiel in Asien gegen Eumenes 321; Antipatros starb 319, nachdem er den alten Feldherrn Polyperchon mit Übergehung seines Sohnes Kassandros zum Nachfolger eingesetzt hatte. Im Kampf zwischen beiden blieb Kassandros Sieger. Nach seinem Tod 296 folgten als Könige auf kurze Zeit Philipp, Antipatros, Alexander IV., Demetrios Poliorketes, des Antigonos Sohn (294–287), Pyrrhos, Lysimachos (286–281), Ptolemäos Keraunos, der noch in dem Jahr seiner Thronbesteigung im Kampfe gegen die sein Land verheerenden Gallier blieb, Meleagros, Antipatros II., Sosthenes, Ptolemäos, Antipatros 111. und zum zweitenmal Pyrrhos. Erst mit Antigonos I. Gonatas, Sohn des [489] Demetrios Poliorketes (276–240), hörte der schnelle Wechsel auf; er vertrieb die Gallier, besetzte Athen und Korinth und ordnete die inneren Verhältnisse seines Reiches. Nach zehnjähriger Regierung seines Sohnes Demetrios II. dehnte sein Neffe Antigonos Doson, als Vormund des unmündigen Königs Philipp III. (230–220), die Herrschaft Mazedoniens über fast ganz Griechenland aus und bahnte seinem Nachfolger Philipp III. den Weg zu seiner Großmachtpolitik, die ihn bald in Streit mit den Römern bringen musste. Die Gelegenheit, als Bundesgenosse Hannibals Erfolge zu erringen, verpasste er; er führte den Krieg (215–205) nur lässig und schloss mit den Römern Frieden, noch ehe Hannibal Italien verließ. Doch schon 200 brach der Krieg von neuem aus. T. Quinctius Flamininus besiegte Philipp 197 bei Kynoskephalä und zwang ihn 196, auf die Hegemonie über Griechenland zu verzichten, seine Armee auf 5000 Mann zu beschränken, 1000 Talente zu zahlen und sich zu verpflichten, keinen Krieg ohne Erlaubnis der Römer zu führen. Sein Sohn und Nachfolger Perseus (179–168) war nur von dem einen Gedanken erfüllt, dies Joch abzuschütteln; er reizte 171 die Römer zum Krieg und behauptete sich anfangs nicht nur in dem Gebirgslande von Thessalien, sondern besiegte auch die Römer zweimal (171 und 170); durch seinen Geiz entfremdete er sich aber seine Bundesgenossen. So besiegte ihn der römische Konsul Ämilius Paullus 4. Sept. 168 in der Schlacht bei Pydna und machte dem mazedonischen Königtum ein Ende. Ein Senatsbeschluss erklärte zwar Makedonien für frei unter Roms Oberherrschaft, teilte es aber in vier Distrikte, die kein Commercium und Connubium untereinander hatten, bestimmte die Hälfte der bisherigen Abgaben (100 Talente) als Tribut und befahl, dass weder ein Heer, mit Ausnahme von Landmilizen, noch eine Flotte gehalten werden dürfe. Das Volk folgte daher gern dem Ruf eines Sklaven Andriskos 149, der sich für den Sohn des Perseus ausgab (der sogen. Pseudo-Philipp), und kämpfte anfangs glücklich gegen die Römer, bis Q. Cäcilius Metellus (Macedonicus) nach den Siegen bei Pydna 148 und 147 Andriskos gefangen nahm. Ein zweiter Usurpator, der unter dem Namen Alexander als ein Sohn des Perseus (Pseudo-Philipp) 143 auftrat, wurde von dem Quästor Tremellius getötet. Makedonien erhielt nun römische Provinzialeinteilung und mit Illyrien eine Verwaltung. Bei der Teilung des römischen Reiches 395 fiel Makedonien an das oströmische Reich und nach dessen Sturz an die Türken. Gegen die drückende Herrschaft derselben versuchte die im Küstengebiete zahlreiche griechische Bevölkerung 1769 und besonders 1821–22 eine Erhebung, die aber von den Türken blutig unterdrückt wurde. Namentlich seitdem die Bulgaren zu nationalem Bewußtsein und eigener Staatenbildung gelangt sind, wird von Zeit zu Zeit von Norden aus versucht, die Stammesgenossen in Makedonien zu befreien.

Diese Agitationen, die eine Herrschaft des bulgarischen Stammes über Serben und Griechen bezweckten und von dem mazedonischen Komitee (s. Komitadschi) geschürt wurden, das um 1900 von einem gewissen Boris Saratow von Sofia aus geleitet wurde, brachten nicht nur Makedonien selbst in große, andauernde Unruhe, sondern führten des öfteren zu internationalen Verwicklungen ziemlich ernster Art. So hatte im Februar und im Juli 1900 Rumänien gerechten Anlass zu Beschwerden wegen zweier von jenem Komitee veranlassten Mordtaten. Anderseits näherte sich dieser Staat, der seit 1878 daran gearbeitet hatte, die im ganzen friedlichen Kutzow(a)lachea in Makedonien und Epirus auf legale Weise der Gräzisierung in Schule und Kirche zu entreißen und darum von Griechenland lebhaft beargwohnt wurde, im Mai 1901 letzterem in augenfälliger Weise, bis im September 1905 das gegenseitige Verhältnis wieder arg getrübt war. Das offizielle Einlenken Bulgariens, das sich im Frühjahr 1901 in Sarafows Ersetzung durch General Zontschew bekundet hatte, verkehrte sich ebenfalls fast in sein Gegenteil, seitdem es im August 1902 zu der Bildung eines radikalen zweiten mazedonischen Kongresses unter Saratow gekommen war. Die Ausschreitungen der Heißsporne erregten auswärts eine derartige Besorgnis, dass Ende Dezember eine hochpolitische Reise des Grafen Lamsdorff (s. d.) nach Sofia notwendig ward, der im Februar 1903 die Auflösung beider mazedonischen Komitees folgte. Anderer Meinung waren nach dem Vorgang von Professor Kazazis viele Griechen: die Wiener Nachrichten über heillose Zustände in Makedonien hätten nur den Zweck, der Pforte das Heft aus der Hand zu winden; deshalb müsste ein das vordringende Slawentum bekämpfendes Griechentum in der Türkei seinen natürlichen Bundesgenossen erblicken. Diese Ansicht wurde von der griechischen Regierung (Kabinett Rhalli) durchaus geteilt und mehrmals betont. Trotzdem gelangte die Anschauung der beiden in erster Linie an den Balkanverhältnissen interessierten Großmächte, Russlands und Österreich-Ungarns, dass man mit der Durchführung von Reformen in Makedonien (Zehnteintreibung, Gendarmerie etc.), auch gegen den Willen der Pforte, endlich Ernst machen müsse, im Herbst 1903 zum Sieg, da man den Greueltaten der aufständischen Komitadschis nicht länger mehr zuschauen dürfe. Die Mürzsteger Punktationen vom 1. Okt. 1903 sahen eine Unterstützung der bedrängten Bevölkerung, eine Erleichterung der Repatriierung der Flüchtlinge und eine Wiederherstellung der zerstörten Dörfer etc. vor. Um dies Programm durchzuführen, werde man die Bemühungen der Pforte zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Makedonien durch eine wirksame Kontrolle und Überwachung unterstützen. Wirklich kam nach langen Verhandlungen 25. Nov. eine Vereinbarung zwischen den beiden christlichen Mächten einer-, und der Türkei anderseits insofern zustande, als zwei Zivilagenten, ein russischer und ein österreichischer, sowie eine aus österreichischen, russischen und italienischen Offizieren gebildete Gendarmerie dem Reformwerke des Generalinspektors Hussein Hilmi Pascha den nötigen Nachdruck verleihen sollen. Fortgesetzte Grausamkeiten bulgarischer Banden riefen jedoch daneben die eigenmächtige Bildung griechischer und serbischer Freischaren hervor, die sich ihrer bedrängten Glaubensgenossen annahmen; es hängt dies mit der überlieferten Feindschaft des griechisch-orthodoxen Patriarchats, dem z. B. das Bistum Üschküb in Westmazedonien untersteht, gegen das dem Terrorismus zuneigende schismatische bulgarische Exarchat zusammen. Der durch die fortwährenden Kämpfe in Makedonien verschuldeten Anarchie vermochte auch das inzwischen durch französische und englische Offiziere verstärkte, aber durch gegenseitige Eifersüchteleien der beteiligten Mächte gelähmte internationale Gendarmeriekorps, das dem italienischen Divisionsgeneral De Giorgios unterstellt war, wenig zu steuern. Das offizielle Rotbuch der (mit Zontschews Komitee nicht identischen) »Innern Organisation« der bulgarischen Mazedonier vom November 1904 verzeichnet für die Zeit von 1898 bis zum 20. Juli 1903, die sogen. Vorbereitungszeit, 1346 Zusammenstöße zwischen 4262 Aufständischen und 74.000 türkischen Soldaten, wobei 512 Bandenmitglieder den Tod fanden. Während des organisierten Aufstandes vom Juli bis Oktober 1903 hätten 26.408 Mann unter Waffen gestanden und dabei 994 in Gefechten verloren; außerdem hätten 4694 Männer, Frauen und Kinder während dieser kurzen Zeit das Leben eingebüßt. Dennoch wurden alle von den Mächten ausgehenden weiteren Vorschläge zu einer strafferen internationalen Befriedung der unruhigen Wilajets von der Pforte dilatorisch behandelt oder abschlägig beschieden; selbst Blutbäder, wie das von einer griechischen Bande 7. April 1905 bei Zagoritscham verübte, vermochten sie nicht aus ihrer souveränen Ruhe zu bringen, schürten jedoch natürlicherweise die Neigung zur Einmischung auf seiten Bulgariens, das sonst versicherte, die ihm zugekehrten Grenzbezirke loyal bewachen zu wollen. So lassen die türkische Indolenz und Misswirtschaft einer-, anderseits der bittere gegenseitige Hass der Griechen, Serben, Bulgaren und der seit kurzem (1905) vom ökumenischen Patriarchat emanzipierten Kutzowlachen, ja auch der Albanesen vorläufig keinen Frieden aufkommen. Auch dem energischen Drängen der Mächte gegenüber verharrte die Pforte im Oktober bei ihrer grundsätzlichen Ablehnung jedes weiteren Ausbaues der Finanzkontrolle über den 8. Dez. 1905 hinaus als eines Eingriffs in die Souveränitätsrechte des Sultans. Darum entschlossen sich Österreich und Russland mit Italien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland 15. Nov. zur Überreichung einer Kollektivnote, die vor allem für die mazedonischen Wilajets eine internationale Finanzkommission forderte. Als auch diese ablehnend beantwortet wurde, schritt man zum Mittel einer Flottendemonstration, an der sich jene Mächte (außer Deutschland, das kein Schiff zur Verfügung hatte) mit je 2–3 Schiffen unter dem Oberbefehl des österreichischen Vizeadmirals v. Ripper beteiligten; sie begann 26. Nov. vor Mytilene. Am 5. Dez. war der Hauptzweck erreicht: die Pforte willigte in alle wesentlichen Punkte der Forderungen. Am 18. Dez. verließ die Flotte Mytilene, und 23. Dez. fand in Saloniki die erste Sitzung der internationalen Finanzkommission statt.

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Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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