Archangel
Archangel (Archangelsk), das nördlichste Gouvernement Russlands, im Norden vom Eismeer und Weißen Meer, im Westen von Norwegen und Finnland, im Süden von den Gouvernements Olonez und Wologda, im Osten vom sibirischen Gouvernement Tobolsk begrenzt, hat mit Einschluss der dazugehörigen Insel Nowaja Semlja einen Flächeninhalt von 858.930 km² (15.599 mi²). Im Westen und Nordwesten ist der Boden zerklüftet und gebirgig, und im Innern der Halbinsel Kola erheben sich Berge bis zu 1000 m. Der mittlere Teil ist flach und niedrig, nur von der bis zu 400 m ansteigenden Timankette durchzogen. Im Osten bildet der nördlichste, ebenfalls niedrige Teil des Urals mit seinem Ausläufer, dem Pai-Choigebirge, die Grenze gegen Sibirien. Meerbusen sind: der Kandalakschabusen, die Onega-, Dwina- und Mesenbai, sämtlich im Weißen Meer, ferner der kleine Kolabusen im Nordwesten und die Tschesskajabai. Das Gouvernement wird in südnördlicher Richtung von zahlreichen Flüssen durchzogen, worunter die bedeutendsten: Onega, Dwina, Mesen, Petschora (s. d.). Landseen zählt das Gouvernement über 1100, namentlich im Westen und Nordwesten; der größte ist der Imandrasee (s. d.). Das Klima ist rauh, aber mit großen Unterschieden. Der Winter ist z. B. an der Nordküste der Kolahalbinsel, der sogen. Murmanskischen Küste (s. d.), relativ milde: das Meer friert nicht zu. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt -1°, für die Stadt Archangel +0,4. Die Bevölkerung betrug 1897: 347.560 Personen, also etwas über 0,4 auf 1 km², und ist stark mit fremden Elementen durchsetzt. So wohnen auf der Halbinsel Kola nomadisierende Lappen, im Westen und bis nach Archangel hin finnische Stämme (Karelier, Tschuden), im Kreis Mesen und an der Petschora Syrjanen (s. d.). Auf der östlichen Tundra zwischen Mesen und Ural nomadisieren Samojeden. Die russischen Bewohner sind Abkömmlinge der alten Nowgoroder Kolonisten und gelten heute noch als besonders intelligent und rührig. Der nördlichste Teil von Archangel ist von Tundren, d.h. mit Moos bewachsenen, fast immer gefrorenen Morästen, bedeckt, die jede Kultur unmöglich machen. Hier leben daher auch nur die vorerwähnten Nomaden, die sich auf Renntierzucht beschränken. Der mittlere und südliche Teil ist außerordentlich reich an Wäldern, deren Ausbeutung die Hauptnahrungsquelle der Bevölkerung bildet. Der Ackerbau ist von geringer Bedeutung; vorherrschend ist dabei die Brandwirtschaft, bei der aber relativ gute Ernten erzielt werden. Gebaut wird Gerste, Roggen, Hafer, auch Flachs. Die Rindviehzucht ist im Kreise Cholmogory gut entwickelt und die gleichnamige Rasse wegen ihres Milchreichtums weit geschätzt. Der Fischfang spielt an den Küsten, insbes. an der Murmanskischen Küste eine große Rolle. Namentlich wird viel Stockfisch, im Weißen Meer auch Lachs, Nawaga u.a. gefangen. Dem reichen Waldbestand entsprechend beschränkt sich die Industrie auf die Verarbeitung von Holz und die Gewinnung von Teer und Pech. Es bestehen zahlreiche Sägemühlen, darunter die großen fiskalischen Sägewerke in Kem. Der Bergbau ist gänzlich unentwickelt, obwohl im Timangebirge das Vorkommen von Silberbleierzen und an der Petschora von Naphtha nachgewiesen ist. Der Handel konzentriert sich fast ganz in der Stadt Archangel (s. d.). Im Binnenhandel spielen gesalzene Fische, Renntierfelle und Geflügel eine Rolle. Administrativ zerfällt das Gouvernement in die neun Kreise: Archangel, Cholmogory, Kem, Kola, Mesen, Nowaja Semlja, Petschora, Pinega, Schenkursk. Vgl. Poschmann, Beschreibung des Gouvernements von Archangel (russ., Archangel 1874, 2 Bde.).
Archangel, Hauptstadt des gleichnamigen russischen Gouvernements (s. oben), am rechten Ufer der Dwina gelegen, Endpunkt der Eisenbahn Jaroslaw-Archangel, hat 23 griechische, eine lutherische, eine katholische, zwei anglikanische Kirchen, ein altes Kloster (zum »Erzengel [archangelus] Michael«, wonach die Stadt benannt ist), einen 1668–84 erbauten großen Kaufhof, eine große Schiffswerft, eine bedeutende Messe, die Margaritiussche (im September), und (1897) 20.025 Einwohner. Archangel ist der Hauptseehafen Russlands am Eismeer. Im Verkehr von Archangel spielt die Ausfuhr die bei weitem wichtigste Rolle; ausgeführt wurden 1900: Bretter für 7.470.000 Rubel, Hafer 7.435.900 metr. Ztr., Roggenmehl 2.318.000 metr. Ztr., Leinsaat 1.457.900 metr. Ztr., Flachs und Heede 915.000 metr. Ztr. Der Wert der Einfuhr erreichte 1900: 9.882.900 Rubel. 1900 liefen 562 Schiffe mit 284.197 Reg.-Ton. ein und 528 Schiffe mit 281.454 Reg.-Ton. aus. Außerdem kamen 569 Küstenfahrer an. Archangel ist Sitz eines Zivilgouverneurs, eines Bischofs, eines deutschen Konsuls und einer Admiralität und besitzt ein geistliches Seminar, zwei Gymnasien, 16 Mittelschulen, zwei geistliche Schulen und eine Schiffahrtsschule. An der Mündung der Dwina liegt die Festung Nowodwinskaja, 1701 von Peter d. Gr. zum Schutz des Fahrwassers erbaut.
Schon im 10. Jahrhundert hatten die Normannen in der Gegend von Archangel Handelsniederlassungen gegründet; wichtig wurden diese, als 1553 die Engländer auf einer von Willoughby und Chancellor geleiteten Expedition zur Entdeckung der nordöstlichen Durchfahrt den Seeweg nach der Dwinamündung gefunden hatten. 1584 wurde ein Fort und Stapelplatz an der St. Nikolasbucht im Weißen Meer angelegt; es entstand dabei ein Ort, der anfangs Neu-Cholmogory (im südlicher gelegenen Cholmogory hatten die Engländer bis dahin ihre Hauptniederlage), später Archangel (Michaelsstadt) genannt wurde. Unter Peter d. Gr. sank Archangels Handel sehr und begann erst unter Katharina II. sich wieder etwas zu heben. Alexander I. gewährte den dortigen Kaufleuten ansehnliche Freiheiten.
Das russische Infanterie-Regiment Archangel diente 1812 in der 8. Division der türkischen Front, die nach dem Friedensabkommens von 1812 an die Beresina verlegt wurde, wo sie den Rückmarsch der Grande Armée schwer bedrängte.
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909