Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg, 1775–1783
Während die britischen Kolonien in Nordamerika als Lohn für ihre Dienste und Opfer im Siebenjährigen Krieg die Verleihung der Selbstverwaltung in ihrem innern Staatsleben erwarteten, strebten im Gegenteil Georg III. und die leitenden Staatsmänner nach straffer Zusammenfassung aller britischen Besitzungen unter Ministerium und Parlament in London und betrachteten die Kolonien nur als Kanäle, die England Reichtum und Kräfte zuzuführen hätten. Überdies hatte sich während des langen, kostspieligen Krieges die englische Staatsschuld fast verdoppelt, und die Kolonien sollten zur Deckung der Zinsenlast durch erhöhte Zölle und Steuern herangezogen werden. Wenn diese nun auch die höchste gesetzgebende Gewalt des Parlaments nicht bestritten, so verlangten sie doch, dass ihre Landesvertretungen bei innerer Besteuerung um ihre Zustimmung angegangen werden müssten. Die Erhöhung der Eingangszölle für mehrere Handelsartikel und das verschärfte Verbot des Schleichhandels wurden daher noch geduldig ertragen, obwohl die Erklärung, dass die Macht der Krone und des Parlaments über die Kolonialstaaten unumschränkt sei, entschiedenen Widerspruch hervorrief und demgegenüber von Männern wie J. Otis und J. Adams die unveräußerlichen natürlichen Menschenrechte verfochten wurden.
Der Erlass der Stempelakte (22. März 1765) jedoch sowie einer Bill, die den Kolonien die Verpflichtung auferlegte, den königlichen Truppen Quartier und Verpflegung zu gewähren, machte die Opposition zu einer allgemeinen. Im Herbst versammelten sich in New York Bevollmächtigte fast aller Provinzen, welche die beiden Parlamentsbeschlüsse für ungültig erklärten und sich auf die natürlichen Rechte des Volkes beriefen; ihre Beschlüsse wurden in Adressen dem König und dem Parlament kundgegeben. Das Stempelgesetz konnte 1. Nov. gar nicht in Kraft treten, da niemand das gehässige Amt des Stempelvertreibers auszuüben wagte, und wurde 18. März 1766 wieder aufgehoben, aber das Militärverpflegungsgesetz blieb bestehen, und eine Deklarationsbill behielt ausdrücklich dem Parlament die höchste gesetzgebende Gewalt in Amerika vor und erklärte die Beschlüsse der amerikanischen Legislaturen und Kolonialkongresse für null und nichtig. Dadurch wurde der beschwichtigende Eindruck der Beseitigung der Stempelakte wieder aufgehoben. Der Gegensatz zwischen den Kolonien und dem Mutterland war schon so geschärft, dass eine neue Zollbill, die der Schatzkanzler Townshend 1767 erließ, und die für nur wenige Artikel niedrige Hafenzölle festsetzte, zahlreiche Proteste hervorrief und die Amerikaner veranlasste, sich völlig von englischen Waren zu enthalten. 1770 wurde daher auch die Townshendsche Zollbill wieder aufgehoben und nur ein sehr niedriger Teezoll beibehalten, aber die Gerüchte von der Absicht der Regierung, die freie Verfassung von Massachusetts aufzuheben, steigerten die Aufregung, und als 1773 die Ostindische Kompanie die amerikanischen Häfen mit einer Masse Tee überschwemmte, wurde 18. Dez. im Hafen von Boston ein Teeschiff von einer Schar als Mohawkindianer verkleideter Bostoner erstiegen und seine Ladung ins Meer geworfen.
Das Parlament beschloss hierauf, dass der Hafen von Boston vom 1. Juni 1774 ab gesperrt und die bisherige Verfassung von Massachusetts aufgehoben werden solle. Zugleich wurde General Gage mit vier Regimentern abgeschickt, um Boston zu besetzen. Er fand zwar keinen Widerstand, aber der Bund der Söhne der Freiheit rief alle Amerikaner zur Verteidigung ihrer Rechte auf, und im September 1774 versammelten sich in Philadelphia die Vertreter der 13 Kolonien: Massachusetts, New York, Rhode-Island, New Hampshire, Pennsylvanien, Maryland, Virginia, Nord- und Südcarolina, Connecticut, Georgia, New Jersey und Delaware zu einem Kongress, der am 26. Okt. eine Petition an den König und eine Erklärung an das britische Volk erließ, in der er zwar die Vereinigung mit dem Mutterland als seinen Wunsch betonte, aber die Aufhebung einer Reihe von Parlamentsakten als Bedingung derselben bezeichnete und Freiheit und Gerechtigkeit für die Kolonien forderte; zugleich verpflichteten sich die Kolonien, vom 1. Dez. ab nichts mehr von England und Irland einzuführen und nichts dahin auszuführen, bis ihren Beschwerden abgeholfen wäre. In England erregte dies energische Auftreten die höchste Entrüstung. Die Petition an den König wurde nicht beantwortet, dagegen beschloss das Parlament 9. Febr. 1775, Massachusetts in Aufruhrzustand zu erklären und jeden Handelsverkehr mit Neuengland zu untersagen. So begann der Kampf.
Zum ersten blutigen Zusammenstoß kam es 19. April 1775 bei Lexington, als General Gage ein von der Legislatur von Massachusetts angelegtes Kriegsmagazin wegnehmen wollte. Nicht lange darauf, 17. Juni, bestanden die Amerikaner das blutige, aber ehrenvolle Gefecht von Bunker Hill (Breed‘s Hill) bei Boston. Der zweite Generalkongress der Kolonien, der am 10. Mai 1775 in Philadelphia zusammentrat, beschloss darauf die Errichtung einer gemeinsamen Armee und ernannte 16. Juni George Washington zum Oberbefehlshaber derselben, vermied es aber, die Losreißung von England offen auszusprechen. Die erste Unternehmung der amerikanischen Truppen, ein Einfall in Kanada, hatte freilich keinen Erfolg; sie erlitten 31. Dez. vor Quebec eine entschiedene Niederlage, in der ihr Anführer Montgomery fiel, und mussten im Frühjahr 1776 das Land wieder räumen. Die englische Regierung hatte inzwischen mit aller Macht gerüstet und schickte im Frühjahr 1776 eine große Flotte unter Admiral Howe mit 40.000 Mann (ein großer Teil waren deutsche Mietstruppen) nach Amerika, die in drei Abteilungen in das Innere vordringen sollten.
Demgegenüber vermochte Washington keine ebenbürtige Streitmacht aufzustellen. Im Süden herrschte Uneinigkeit: hier waren die Gegner der Losreißung vom Mutterland besonders stark. Aber nun vereinigte sich die Mehrheit des Kongresses von Philadelphia 4. Juli 1776 zu der von Jefferson entworfenen Unabhängigkeitserklärung, die nach Darlegung der natürlichen Grundrechte aller Menschen verkündete, dass »die Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten seien und von Rechts wegen sein müssten«, und dass sich die versammelten Vertreter zur Aufrechterhaltung dieser Erklärung gegenseitig ihr Leben, ihren Besitz und ihre heilige Ehre verbürgten. Allerdings musste Washington nach dem Verlust New Yorks über den Delaware zurückweichen, der Kongress nach Baltimore flüchten; aber die englischen Generale wussten ihre militärische Überlegenheit nicht auszubeuten. Der in allem Missgeschick unerschütterliche Washington erfocht 26. Dez. 1776 bei Trenton und 3. Jan. 1777 bei Princeton Siege über die Engländer, unter deren Eindruck ihm der Kongress diktatorische Vollmacht zur Bildung einer Nationalarmee von 88 Bataillonen und zur Beschaffung der erforderlichen Geldmittel und Kriegsbedürfnisse erteilte. Im Laufe des Sommers 1777 musste er zwar wieder vor Howes Übermacht zurückweichen und erlitt am Brandywine (11. Sept.) und bei Germantown (3. Okt.) empfindliche Niederlagen; selbst Philadelphia wurde von den englischen Truppen besetzt. Dagegen scheiterte der Feldzug der Engländer im Norden gänzlich, und Burgoyne wurde 17. Okt. mit 6000 Mann und 42 Geschützen von Gates zur Kapitulation von Saratoga gezwungen.
Dieser Erfolg bewog Frankreich, wo die Sache der Amerikaner aus Begeisterung für die Freiheit und aus Eifersucht gegen England bei allen Ständen lebhafte Sympathien fand, und von wo ihnen unterderhand bereits bedeutende Unterstützungen (besonders unter La Fayette) zugeflossen waren, 6. Febr. 1778 mit den Vereinigten Staaten einen Freundschafts- und Handelsvertrag zu schließen, dem sich 12. April 1779 auch Spanien anschloss. Dieses Bündnis kam den Amerikanern sehr zustatten; denn wenn auch Washington 1778 und 1779 die Alleghanies gegen die Engländer behauptete, so drohten doch der Geist der Selbstsucht in den einzelnen Staaten, der geringe Kredit des Kongresses, besonders aber die Unbotmäßigkeit und Unfähigkeit der Unterbefehlshaber auch Washingtons Standhaftigkeit zu erschüttern. Die Engländer boten dagegen alle ihre Kräfte zu Land und zur See auf, um die Rebellen zu unterdrücken. Seit 1779 richteten sie ihre Hauptmacht nach Georgia und Carolina, wo sich zahlreiche Royalistenhaufen ihnen anschlossen; sie eroberten Savannah und Charleston, und 16. Aug. 1780 siegte Cornwallis bei Camden über Gates, dessen Unterfeldherr, der deutsche Baron Kalb, hier tödlich verwundet wurde. Inzwischen war aber 10. Juli 1780 ein französisches Hilfskorps von 6000 Mann unter Rochambeau auf Rhode-Island gelandet, und Washington war durch 16 Mill. Livres, die Frankreich teils schenkte, teils lieh, instand gesetzt worden, sein Heer zu ergänzen und mit Hilfe Steubens, eines ehemals preußischen Offiziers, feldtüchtig zu machen. Die vereinigte amerikanisch-französische Armee rückte hierauf im September 1781 in Eilmärschen nach Virginia, nahm die von Cornwallis bei Yorktown errichteten Verschanzungen und zwang den englischen General mit 7247 Mann zur Kapitulation. England verzweifelte nun an einem Erfolg des Krieges und zeigte sich zu Friedensverhandlungen geneigt. Nachdem 30. Nov. 1782 bereits die sogen. Provisionalartikel die Republik der Vereinigten Staaten als unabhängig anerkannt, ihr vorteilhaftere Grenzen nach Norden und Westen und das Recht der Fischerei in den Gewässern von Neufundland zugestanden hatten, kam 19. April 1783 der definitive Friede von Versailles zustande.