Charkow

Charkow (spr. chárkoff, früher die Slobodische Ukraine, seit 24. August 1991 Charkiw, zweitgrößte Stadt der Ukraine), Gouvernement im europäischen Russland, bildet einen Teil von Kleinrussland und grenzt im Norden an die Gouvernements Kursk und Woronesch, im Osten an das Land der Donischen Kosaken, im Süde an Jekaterinoslaw, im Westen an Poltawa, mit einem Areal von 54.495 km² (989,7 mi²). Das Land ist ein mäßiges Hochplateau von 100–150 m mittlerer Höhe mit Steilabfällen an den Flüssen und vielen Einschnitten oder Erdschluchten (Balka oder Bujerak genannt). Flüsse sind: der Donez, die Worskla, Sula, der Wir und der Psiol. Im Frühjahr überschwemmen diese Flüsse das Land weithin und machen es durch ihren Schlamm fruchtbar. Das Klima ist gemäßigt, aber unbeständig, die Jahrestemperatur 6,2°, der Winter oft sehr streng, der Sommer heiß. Die Einwohner, an Zahl (1897) 2.509.811 (46 auf 1 km²), bestehen der Hauptmasse nach aus Kleinrussen und Kosaken, außerdem aus Großrussen, der griechischen Kirche angehörigen Kalmücken, Deutschen, Juden und Zigeunern. Die städtische Bevölkerung macht nur 15 Proz. der Gesamtbevölkerung aus. Ackerbau und Viehzucht sind die Haupterwerbszweige. Man baut sehr viel Getreide aller Art, darunter auch Mais, Buchweizen und Hirse; außerdem viel Zuckerrüben (1899: 1.170.271 t), Tabak, Gemüse und Obst. Vom Gesamtareal kommen 57,2 Proz. auf Ackerland, 23,9 Proz. auf Grasland; 11 Proz. sind von Wald bedeckt, und 4,7 Proz. stellen unproduktives Land dar. Von besonderer Bedeutung ist die Pferdezucht, die in 53 Gestüten (unter diesen ragen die Bjelowodskischen hervor) vortreffliche Reitpferde für das Militär liefert, und die Schafzucht, die Charkow zum ersten Wollmarkt Russlands gemacht hat. Das Gouvernement zählte 1891: 312.000 Pferde, 570.000 Stück Rindvieh, 953.000 Schafe, 286.000 Schweine. Auch bedeutende Bienenzucht sowie Seidenbau werden betrieben. Der Fischfang ist unbedeutend. Der Bergbau ist ganz unbedeutend; wichtiger ist die Salzgewinnung, die 1897: 54,1 Mill. kg ergab. Die Industrie ist seit den letzten Jahrzehnten in bedeutendem Wachsen begriffen; man zählte 1893: 381 Fabriken mit 84 Mill. Mk. Jahresproduktion. Am ansehnlichsten ist die Rübenzuckerfabrikation, die 28 Etablissements umfasst, die 1899–1900: 1.096.859 t Rüben verarbeiteten, aus denen 10,65 Proz oder 118,4 Mill. kg Zucker gewonnen wurden. Außerdem gibt es zahlreiche Wollwäschereien, Bier- und Metbrauereien, Branntweinbrennereien, Ziegelbrennereien und in neuester Zeit eine ansehnliche keramische Industrie. Der Handel ist außer in der Hauptstadt wenig entwickelt, obwohl das Gouvernement von den großen Eisenbahnlinien, die Moskau mit den Häfen des Schwarzen und Asowschen Meeres verbinden, durchschnitten wird. Es finden etwa 600 Jahrmärkte statt, auf denen vornehmlich Häute, Wolle, Vieh, besonders Pferde, Leder-, Seiden-, Wollen- und Baumwollenwaren, sodann Pelz-, Holz-, Eisen- und Stahlwaren etc. umgesetzt werden. Das Gouvernement C. zerfällt in die elf Kreise: Achtyrka, Bogoduchow, Charkow, Isjum, Kupjansk, Lebedin, Smijew, Sumy, Starobjelsk, Walki und Woltschansk.

Charkow.

Charkow, Hauptstadt des gleichnamigen russischen Gouvernements (s. oben), liegt in einer hügeligen, teilweise sumpfigen Gegend, zwischen und an den Flüssen Charkow, Lopan und Netjesch, die in die Uda (Nebenfluss des Donez) fallen, und ist Knotenpunkt der Eisenbahnen Kursk-Charkow-Sewastopol und Charkow-Nikolajew. Sie hat zwei griechische Klöster, 18 Kirchen (worunter eine schöne Kathedrale), zwei Theater, eine Börse, ein Museum für Kunst und Gewerbe und (1897) 170.682 Einwohner. Charkow ist der Haupt- und Vorort der südrussischen Montanindustrie und Mittelpunkt des russischen Wollhandels. Für letzteren sind namentlich die vier großen jährlichen Messen von Bedeutung, deren wichtigste, die Kreschtschenskische (vom 18. Jan. bis Mitte Februar), einen Umsatz von ca. 60 Mill. Rubel erreicht. Als Bankplatz steht Charkow in Südrussland an erster Stelle. Charkow ist der Sitz des Gouverneurs, des 10. Armeekorpskommandos und eines griechischen Erzbischofs, hat eine 1804 von Kaiser Alexander I. gegründete Universität (1899 mit 1398 Studierenden), die mit Sternwarte, Bibliothek, botanischem Garten etc. versehen ist, ein theologisches Seminar, ein technisches Institut (500 Studierende), eine Kommerzschule, drei Gymnasien, eine Real-, eine Kreisschule, eine Tierarzneischule, mehrere Waisenhäuser und Hospitäler, das Fräuleinstift der Kaiserin Maria, zwei Mädchengymnasien und mehrere gelehrte Gesellschaften. Etwa 7 km von Charkow befindet sich seit 1854 eine landwirtschaftliche Lehranstalt.

Charkow wurde 1653 von Zar Alexei Michailowitsch angelegt und 1780 bei Errichtung des Gouvernements Charkow zur Hauptstadt desselben erhoben.

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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