New Orleans

New Orleans (spr. njū orlīns), die bedeutendste Stadt im Süden der Vereinigten Staaten und Hauptstadt von Louisiana, liegt unter 29°58‘ nördl. Breite und 90°8‘ westl. Länge, auf einem nur 1,5 m ü. M. hohen Sandrücken inmitten der Sümpfe des Mississippideltas, am linken Ufer des 1 km breiten und 35 m tiefen Stromes, 165 km von seiner Mündung in den Golf von Mexiko, gegen seine bis 12 m hohen Hochwasser künstlich geschützt und mit seinem Stadtgebiet von 510 km² im Norden bis an den großen Lake Pontchartrain reichend.
Das Klima ist heiß (Juli 27,9, Januar 12,1, an einzelnen Tagen aber bis 44°, Jahr 20,4°) und feucht (es fallen 1269 mm Regen), das gelbe Fieber ist öfters (noch 1905) verderblich aufgetreten, sehr lästig sind im Sommer die Moskitos. Neuere gesundheitliche Maßnahmen haben die früher sehr große Sterblichkeit aber erheblich herabgesetzt, so dass sie jetzt 28,9 auf Tausend beträgt. Trinkwasser erhält man aus hölzernen Zisternen, in denen das Regenwasser aufgefangen wird, sowie aus einem 182 m tiefen artesischen Brunnen. Der Strom ist, um die Stadt gegen Überschwemmungen zu schützen, von einem 4,3 m hohen und 4,6 m breiten Damm (Levée) eingefasst, der sich bis 190 km oberhalb der Stadt, bis Plaquemines, hinzieht und bei New Orleans eine Hauptpromenade bildet. Die Stadt ist ziemlich regelmäßig angelegt und wird von mehreren Kanälen durchzogen, die vom Bayou St. John ausgehen. Viele der bedeutendern Straßen, die teils vom Mississippi gegen Norden fächerförmig zusammen, teils mit den Windungen des Flusses parallel laufen, sind breit und mit Bäumen beschattet. Hauptgeschäftsstraße ist die 58 m breite Canal Street mit einem Standbild Henry Clay‘s, die vom Fluss rechtwinklig ausläuft und das französische Viertel (Vieux Carré) im Nordosten von der Neustadt, dem amerikanischen Viertel, im Südwesten scheidet. Ersteres wird fast ausschließlich von Kreolen (in Amerika geborene Abkommen französischer Kolonisten) bewohnt, und hier wird noch viel Französisch gesprochen. Zu den charakteristischen Zügen dieses Stadtteils gehören die Adobe- (Luftziegel-) mauern, die kalkbeworfenen Stuckfassaden, die Jalousien, Gittertüren, kleinen Fensterscheiben, Arkaden und Balkone, Ziegeldächer und Innenhöfe, das Ganze eingebettet in prächtig blühende Magnolien, Rosen und halbtropische Bäume und Sträucher, und mit meist französischen und spanischen Straßennamen. Unter den öffentlichen Plätzen sind Jackson Square mit Reiterstandbild des Generals Andrew Jackson, an dem die alte Kathedrale von St. Louis in spanischem Stil (1792–94 erbaut) und die Gerichtshöfe liegen; Lafayette Square mit Standbild Benj. Franklins, dem marmornen Rathaus, der größten Kirche der Presbyterianer und der Halle der Odd Fellows, und Circus Place, früher Congo Park genannt, der Tummelplatz der Neger, zu erwähnen. An der St. Charles Avenue steht auf hoher Säule die Statue Robert E. Lees. Der City Park auf der Metarie Ridge ist 60 Hektar groß; der Audubon Park, in dem die Ausstellung von 1884–85 stattfand, zieht sich als schmaler Streifen vom Fluss 4 km landeinwärts. Interessant sind die Marktplätze, namentlich der französische Markt am Hafen. Eigenartig sind auch die zwölf Friedhöfe, in denen die Leichen des hochstehenden Grundwassers halber in überirdischen Gewölben beigesetzt werden, namentlich Cypress Grove Cemetery und die alten französischen Friedhöfe. An anderen Gebäuden sind zu nennen: die neue Kathedrale von St. Patrick (nach dem Münster von York) mit 55 m hohem Turm, die Jesuitenkirche von der unbefleckten Empfängnis, 1852–57 aufgeführt, das riesige Zoll- und Postamt aus Granit, das 4950 qm bedeckt, die alte Münze, das schöne Rathaus, die Howard Library und das Kapitol von Louisiana.
Die Bevölkerung, die 1810 erst 17.243 Seelen zählte, war 1890 auf 242.039 und 1900 auf 287.104 gestiegen, davon 77.714 Schwarze, 30.325 im Ausland (8733 in Deutschland) Geborne. Sehr zahlreich sind die Katholiken. New Orleans ist Sitz eines katholischen Erzbischofs sowie eines anglikanischen und eines methodistischen Bischofs. Unter den zahlreichen Wohltätigkeitsanstalten der Stadt ist die vornehmste das Charity Hospital, 1812–14 erbaut, mit 800 Betten, ferner das Maison-Dieu, ein großes Marinehospital, Irrenhaus, Rettungsanstalt für Knaben und Mädchen, Waisenhäuser etc. Von Bildungsanstalten sind zu nennen: die Tulane-Universität (1903: 99 Dozenten, 1395 Studierende, 55.000 Bände), die methodistische New Orleans-Universität und die Leland-Universität für Schwarze (58 Dozenten, 1985 Studierende, 4000 Bände), eine medizinische Schule und der Arbeiterbildungsverein (Mechanic‘s Institute). Für Unterhaltung sorgen sechs größere Theater, darunter ein französisches Opernhaus. Wettrennen werden auf dem Metarie Race Track, auf dem Wege zum Pontchartrainsee, abgehalten. Der glänzende Karneval wird jährlich durch einen Umzug unter Vorgang des »Bœuf gras« und des »Rex« (Prinz Karneval) gefeiert.
Im Umfange des Außenhandels wird New Orleans unter den Unionshäfen nur von New York übertroffen und nur von Boston ziemlich erreicht. Seine Ausfuhr bewertete sich 1905 auf 150.936.947, seine Einfuhr auf 33.933.298 Doll., sein überseeischer Schiffsverkehr (1903) auf 2,4 Mill. t. Von höchster Bedeutung ist es namentlich als Baumwollausfuhrhafen, wenn es auch in dieser Beziehung neuerdings in manchen Jahren hinter Galveston zurückgeblieben ist (1899 mit 954.532.672 Pfund im Werte von 51.613.543 Doll. gegen 1.076.523.562 Pfd. im Werte von 57.670.423 Doll., und 1904 mit 882.112.289 Pfd. im Werte von 110.511.811 Doll. gegen 985.213.084 Pfd. im Werte von 116.725.342 Doll.). Sehr hervorragend ist aber auch seine Ausfuhr von Getreide (1903: 13.048.439 Bushels Mais und 11.897.484 Bushels Weizen), Mehl (1.162.720 Fässer), Tabak (3,8 Mill. Doll.), Baumwollsamen, Vieh und Salzfleisch sowie (besonders im Küstenverkehr) von Holz, Eisen und Stahl, Kohle etc. Mit Deutschland, das in New Orleans durch einen Berufskonsul vertreten ist, hatte New Orleans 1901 einen Handelsaustausch von 86 Mill. Mk., vorzugsweise in der Ausfuhr, während der deutsche Schiffsverkehr in dem Hafen sich auf 167.252 t. belief. Der Fährverkehr über den Mississippi beträgt (1902) 2.027.209 t, der eigentliche Stromverkehr, der das meiste zum Aufblühen der Stadt beigetragen hat, ist aber sehr zurückgegangen und nur noch namhaft in der Kohlen-, Holz- und Baumwollzufuhr (insgesamt etwa 1 Mill. t) sowie in der Zucker-, Melasse- und Reisabfuhr. Statt seiner vermitteln zehn unter großen technischen Schwierigkeiten auf ungeheuren Pfahlwerkbauten nach Norden geführte Eisenbahnlinien den lebhaften Verkehr mit dem Hinterland. Elektrische Bahnen sorgen für die Verbindungen innerhalb der Stadt und mit den Ausflugsorten Westend, Milneburg und Spanish Fort am Lake Pontchartrain. Die Industrie wies 1900: 1524 Betriebe mit 19.435 Arbeitern und 63.514.505 Doll. Produktionswert auf, insbes. zehn große Zuckerraffinerien (1176 Arbeiter, 22.684.920 Doll.), fünf Sackwebereien (3.443.468 Doll.), neun Reismühlen (2.924.564 Doll.), 39 Maschinenfabriken und Gießereien (2.199.854 Doll.), 24 Männerkleiderfabriken, 18 Säge- und Hobelmühlen, 27 Tabakfabriken etc. Das steuerpflichtige Eigentum von New Orleans belief sich 1903 auf 158.576.794, die städtische Schuld auf 18.000.250 Doll. New Orleans gegenüber liegen die Vorstädte Algiers, Gouldsboro und Gretna, die mit New Orleans durch sieben große Dampf- und Eisenbahnfähren verbunden sind; 8 km unterhalb der Stadt liegt das Schlachtfeld, auf dem General Jackson 1815 die Engländer besiegte (s. unten), mit Denkmal. Der Weg dahin führt an einem großen Ursulinerinnenkloster vorbei. Noch weiter flussabwärts verteidigen die Forts St. Philip und Jackson den Zugang zur Stadt, und den Vorhafen bildet Port Eads, am Ausgang der künstlich auf 9 m vertieften mittlern Mississippimündung.
New Orleans wurde 1718 von Bienville gegründet und nach dem Herzog von Orléans, dem damaligen Regenten von Frankreich, benannt. 1723 zählte es erst 200 Seelen. 1763 kam New Orleans mit ganz Louisiana im Westen des Mississippi an Spanien, 1800 aber an Frankreich zurück, und 1803 wurde es an die Vereinigten Staaten verkauft. Damals zählte New Orleans ungefähr 8000, 1810 aber bereits 17.242 Einwohner. Am 8. Juni 1815 griffen die Engländer unter Pakenham die Stadt an, wurden aber von Jackson zurückgeschlagen. Seitdem entwickelte sich New Orleans rasch zum Haupthandelsplatz des Mississippibeckens. Im April 1862 erzwang sich der Unionsadmiral Farragut mit 44 Schiffen den Zugang zur Stadt, die sich 1. Mai ergeben musste. Durch die Zuwanderung zahlreicher Italiener wurde die Mafia (s. d.) nach New Orleans verpflanzt, und hat wiederholt nicht nur Verbrechen und Tumulte, sondern sogar diplomatische Verwicklungen mit Italien veranlasst.
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909