Dagestan
Dagestan (tatar., »Bergland« oder »Land der Daken«), Provinz des russischen Generalgouvernement Kaukasus, zu Transkaukasien gehörig, zwischen der Provinz Terek, dem Kaspischen Meer und den Gouvernement Tiflis, Jelissawetpol und Baku (s. Karte »Kaukasien«). Zu letzterem gehört der südöstlichste Zipfel der Landschaft Dagestan mit der Halbinsel Apscheron. Die Provinz umfasst 29.347 km² mit (1897) 586.636 Einwohnern. Das großartige Felsenland bewässern zahlreiche Flüsse, deren bedeutendste Sulak und Samur mit zahlreichen Mündungsarmen sind. Auch gibt es viele heiße Quellen. Das Gebirgsland ist öde und unfruchtbar, fruchtbar und gut angebaut dagegen das Flachland, wo die edelsten Früchte gedeihen und das Klima zeitweise geradezu heiß ist. Die Regenmenge an der Küste ist beträchtlich. Bedeutend ist die Viehzucht, namentlich die Schafzucht. Von Mineralien findet sich Schwefel in großen Lagern an den Ufern des Sulak, Salz kommt besonders im mittleren Teil vor, Kupfer am Sulak. Die dem lesghischen Stamm angehörige Bevölkerung teilte sich 1886 in 107.168 Darginer (Dargua), 103.288 Küriner, 11.985 Rutuler, 27.667 Tabassaranen, 48.316 Kasi-Kumuk, 123.296 Awarier, von türkischen Völkern 15.697 Tataren, 60.836 Kumyken, 2556 Nogaier, außerdem 5421 Russen, 9210 Juden, 9024 Perser, 1054 Armenier. Die Bevölkerung ist z. T. nomadisch, teils treibt sie Ackerbau (Getreide, Baumwolle, Obst, Wein, Tabak) und Seidenraupenzucht. Die spärlichen Ortschaften sind im Gebirge an strategisch und topographisch gut geschützten Stellen erbaut. Am Eisernen Tor bei Derbent, einem Küstenpass zwischen dem Kaspischen Meer und dem Ostende des Kaukasus, beginnt die alte Kaukasische Mauer (s.d.). Das Gebiet zerfällt in die Derbentsche Stadthauptmannschaft und in die Bezirke Temirchanschura, Gunib, Kasi-Kumuk, Andi, Awar, Kaitago-Tabassaran, Kjura, Samur und Darginsk. Sitz der Verwaltung ist die Festung Temirchanschura, mit 3355 Einwohnern; wichtigste Handelsplätze sind Derbent und Petrowsk (s.d.).
Mit den Persern hatten die Einwohner in der Zeit der Sasaniden (3.–7. Jahrhundert) Kämpfe zu bestehen. Während das Flachland Dagestans persische Provinz wurde, blieben die Bewohner des inneren Dagestan freie Bergvölker unter eigenen Chanen. Seit aber Russland 1801 von Grusien Besitz genommen hatte, musste es bestrebt sein, auch das nördlich davon liegende Dagestan an sich zu bringen, das damals noch Grusien von Russland trennte und den Verkehr zwischen beiden Ländern bedrohte. Gefährlich wurde die Situation vollends, als der Muridismus (s. d.) unter den Bergvölkern Dagestans Wurzel fasste. Nach dem türkisch-russischen Krieg (1828–29) rückten daher russische Truppen in Dagestan ein und sicherten sich (1831–32) zunächst das Küstengebiet mit der Straße nach Grusien. Zum ersten Schritt gegen das innere Dagestan nötigte dann Schamyl (s. d.), der die awarische Chanfamilie verdrängt hatte und sich als Haupt der Muriden den Russen entgegenstellte. Mit seiner Unterwerfung 1859 kam Dagestan schließlich ganz in den Besitz der Russen (s. Kaukasien).
Bibliographie
- Cunynghame: Travels in the eastern Caucasus, especially in Dagestan etc. (Lond. 1872)
- Radde: Aus den Dagestanischen Hochalpen (Ergänzungsheft Nr. 85 zu »Petermanns Mitteilungen«, Gotha 1887)
- Radde und König: Der Nordfuß des Dagestan (ebenda, Nr. 117, 1895)
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909