Waldenser

Waldenser (Waldesier), eine religiöse Genossenschaft, die ihren Namen einem reichen Bürger von Lyon (Petrus?), Valdes, Valdez oder Waldus, verdankt. Ergriffen von der Legende vom heil. Alexius und der Erzählung vom reichen Jüngling (Matth. 19, 21), ließ er sich Übersetzungen mehrerer Stücke der Bibel besorgen und wurde durch ihr Studium zu dem Entschluss geführt, durch Übernahme freiwilliger Armut die apostolische Reinheit der Kirche wieder herzustellen. Er gründete 1177 einen Verein zur Predigt des Evangeliums und zog mit Anhängern umher, die, weil sie allem Eigentum entsagt hatten, Pauperes de Lugduno (die Armen von Lyon, daher auch Leonisten) hießen.

Figuren

  • Inquisition, 1:72 LW 2
  • Medieval Inquisition, 1:72 Valdemar VA130
  • Medieval Britain, 1:72 Strelets 071
  • Robin Hood, 1:76 Airfix 01720

Die lombardischen Waldenser (Pauperes italici) vereinigten sich in Mailand mit der dort schon bestehenden Laiengenossenschaft der Humiliaten (s. d.). Mit der Kirche, deren förmliche Anerkennung sie auf dem dritten Laterankonzil 1179 nicht hatten erlangen können, gerieten sie zunächst bloß wegen des freien Bibellesens und wegen der Laienpredigt in Konflikt, späterhin auch bezüglich der Sakramentenlehre. Sie wurden deshalb von Lucius III. auf der Synode zu Verona 1184 und von Innozenz III. nach einem vergeblichen Versuch zur Katholisierung der Bewegung (Pauperes catholici) auf dem Laterankonzil 1215 gebannt, verbreiteten sich aber nichtsdestoweniger in Italien, Frankreich und Böhmen. Bald nach dem Tode des Stifters (etwa 1217), der für seine Person niemals mit der Kirche gebrochen hatte, verhandelten die französischen und die radikaleren italienischen Waldenser 1218 zu Bergamo verschiedene trennende Fragen. Eine Einigung wurde nicht erzielt.

Die lombardischen Waldenser breiteten sich ungemein aus und reichten im 14. Jahrhundert von der Westschweiz bis an die Südostmarken des Reiches, von Böhmen bis nach Franken, Thüringen, Brandenburg und Pommern, selbst Preußen, Polen und Galizien; auch die Waldenser in Piemont gehen auf den lombardischen Zweig zurück. Im 15. Jahrhundert brachte die Verbindung mit hussitisch-taboritischer Propaganda neue Kraft. Als Vorläufer der Reformation darf man die Waldenser auf diesem Stadium ihrer Entwicklung noch nicht bezeichnen. Weder die Rechtfertigung durch den Glauben, noch das allgemeine Priestertum gehörten zu ihren Grundsätzen, doch verwarfen sie die Fegfeuerlehre, Ablass und Seelenmessen. Im übrigen waren sie Bibelleser und führten ein von den Vorschriften der Bergpredigt geleitetes Leben. Dabei verlangten die Lombarden, dass nur ein sittlich würdiger Priester das Abendmahl verwalten kann, während die Franzosen jedes priesterliche Sakrament für gültig erklärten; auch war die Beschränkung auf das Apostolische bei jenen konsequenter (Verwerfung der Messe, kirchlicher Feste). Eben darum hatten sie zahllose Verfolgungen zu erdulden. Papst Sixtus IV. ließ 1477 sogar einen Kreuzzug gegen sie predigen.

Die Reformation drang auch bis zu den Sitzen der Waldenser vor; 1532 fand unter Farels (s. d.) Teilnahme eine Waldensersynode statt, welche die Ohrenbeichte und die Siebenzahl der Sakramente abschaffte, den Zölibatszwang aufhob und sich der reformierten Prädestinationslehre anschloss. Im Dauphiné wurden 1515 gegen 4000 Waldenser ermordet, die Reste verschmolzen mit den französischen Reformierten, die kalabrischen Waldenser wurden 1561 durch die Inquisition ausgerottet, die piemontesischen schlossen sich 1571 zur »Union der Täler« zusammen, doch sind 1655 von einem piemontesischen Heere, vereint mit Banditen und fanatischen Irländern, zahllose Waldenser hingeschlachtet worden, ja, 1685 wurden durch ein französisches und italienisches Heer etwa 3000 Waldenser getötet, 10.000 in Gefängnisse geworfen und 3000 ihrer Kinder in katholische Orte verteilt; damals gründeten ausgewanderte Waldenser Kolonien in Brandenburg, Württemberg, der Pfalz, Hessen, Nassau und der Schweiz, die ihre Eigenart sich bis heute bewahrt haben.

Durch Patent des Königs von Sardinien vom 17. Febr. 1848 erhielten die italienischen Waldenser religiöse und kirchliche Freiheit sowie gleiche bürgerliche Rechte mit der katholischen Bevölkerung, doch veranlasste die italienische Nationalbewegung die Abspaltung der »freien italienischen Kirche« (Chiesa libera [s. d.] unter Luigi De Sanctis [s. d. 1] und A. Gavazzi [s. d.]). Wiederholte Einigungsversuche sind 1904 endgültig gescheitert.

Die Waldenser bewohnen jetzt hauptsächlich die drei Alpentäler Val Martino, Val Angrona und Val Lucerna, wo sie sich durch Sittenreinheit, Gewerbfleiß und treffliche Bearbeitung der Felder und Weinberge vorteilhaft auszeichnen. 1902 zählte man 46 Gemeinden, 68 Predigtstationen, 16 kleinere Filialen mit insgesamt 6276 Kommunikanten. Die Prediger müssen nach der Kirchenverfassung studiert haben und werden von den Gemeinden gewählt, von der Synode bestätigt. Diese, aus Geistlichen und Laien zusammengesetzt, versammelt sich jährlich abwechselnd in einem der drei genannten Alpentäler Piemonts und ist die oberste gesetzgebende Behörde. 1902 zählte die theologische Schule in Florenz 3 Professoren und 4 Studenten; ihr Hauptorgan ist die »Rivista cristiana«. Seit 1889 besteht in Turin die Société d’histoire Vaudoise.

Von den Schriften der Waldenser sind die wichtigsten die Übersetzung des Neuen Testaments, die nur die Revision einer älteren katharischen Übersetzung ist, und das 1400 oder bald nachher verfasste Gedicht »La nobla leczon« (»Die edle Lektion«) in unregelmäßigen, aber dem Alexandriner nahestehenden Versen und moralisierenden Inhalts (beste Ausgabe von Montet, Par. 1888). Über die Sprache der Waldenser (eine provenzalische Mundart) handeln W. Förster in den »Göttinger Gelehrten Anzeigen«, 1888 (Nr. 20 u. 21) und Morosi im 11. Bande des »Archivio glottologico italiano«.

Bibliographie

  • Albert: Les Vaudois de la Vallouise (Grenoble 1891)
  • Bérard: Les Vaudois, leur histoire sur les deux versants des Alpes (Lyon 1891)
  • Brunel: Les Vaudois des Alpes françaises (2. Aufl., Par. 1890)
  • Buttinger, Sabine: Mit Kreuz und Kutte - Die Geschichte der christlichen Orden
  • Comba: Histoire des Vaudois d’Italie (Bd. 1, Par. 1887; neue Ausg. 1898)
  • Comba: Storia dei Valdesi (Turin 1893)
  • Deißmann: Die Waldenser der Grafschaft Schaumburg (Wiesbad. 1864)
  • Dieckhoff: Die Waldenser im Mittelalter (Götting. 1851)
  • Döllinger: Dokumente zur Geschichte der Valdesier und Katharer (Bd. 2 der »Beiträge zur Sektengeschichte«, Münch. 1889)
  • Heilmann: Geschichte der waldensischen Kolonie Waldensberg (Magdeb. 1904)
  • Herzog: Die romanischen Waldenser (Halle 1853; dazu die Entgegnung von Dieckhoff, Götting. 1858)
  • Keller, L.: Die Waldenser und die deutschen Bibelübersetzungen (Leipz. 1886)
  • Märkt: Die württembergischen Waldensergemeinden 1699-1899 (Stuttg. 1899)
  • Montet: Histoire littéraire des Vaudois de Piémont (Par. 1885)
  • Müller, K.: Die Waldenser und ihre einzelnen Gruppen bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts (Gotha 1886)
  • Oberste, Jörg: Der Kreuzzug gegen die Albigenser (Darmstadt 2003)
  • Palacky: Über die Beziehungen der Waldenser zu den ehemaligen Sekten in Böhmen (Prag 1869)
  • Preger: Beiträge zur Geschichte der Waldesier (Münch. 1875)
  • Preger: Über die Verfassung der französischen Waldenser in den ältesten Zeiten (Münch. 1890)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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