Wüstung

Wüstung

Wüstung (Ödung, Elende) ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von Erscheinungen, die schwer unter einheitlichem Gesichtspunkt zusammenzufassen sind. Man versteht darunter gewohnheitsgemäß menschliche Wohnstätten, im engen Sinne sogar nur ehemalige Dörfer (abgegangene, ausgegangene Dörfer, in mittelalterlichen Quellen: villae desolatae, desertae, non habitatae, unbesatzte dorfer) mit den zugehörigen Fluren (»Wüste Marken«), die aus irgendeinem Anlass dauernd ihre Selbständigkeit verloren haben, also auch solche, die nicht zugrunde, sondern in anderen Gemeinwesen aufgegangen sind. Der Zeitpunkt des Wüstwerdens ist nicht bestimmend für den Charakter der Wüstung. Die meisten Wüstungen stammen zwar aus vorreformatorischer Zeit, aber es gibt auch solche aus den folgenden Jahrhunderten und der Gegenwart (Eingemeindungen). Bestimmend ist dagegen die Zeitdauer des Wüstliegens. Ein Dorf, das einige Jahre oder Jahrzehnte vorübergehend wüst war, dann aber wieder aufgebaut wurde, ist keine Wüstung. Dagegen haben wir eine Wüstung vor uns, wenn nach geraumer Zeit, vielleicht nach Jahrhunderten erst, an der Stelle einer ehemaligen Ortschaft ein neues Dorf, ein Gut oder sonst eine menschliche Ansiedelung, sei es mit dem alten oder einem neuen Namen, entstand.

Die Zahl der mittelalterlichen Wüstungen ist sehr groß; sie kommt der der blühenden Gemeinden meist gleich, übersteigt sie aber in manchen Gegenden um das Doppelte und Dreifache. Gründe für das massenhafte Eingehen von Ortschaften sind elementare Ereignisse (Bergstürze, Wegschwemmung durch Meer oder Flüsse, Versumpfung, Feuerverheerung), fürstliche Jagdleidenschaft und dergleichen, ganz besonders aber der Krieg mit seinen Folgen (Zerstörung, Seuchen, Menschenmangel), die Anziehungskraft der Städte, die oft ein Dutzend und mehr Nachbardörfer (auch schon sehr früh) aufsaugten, das »Bauernlegen« seitens der Klöster und großen Gutsherren und namentlich Art und Weise der Kolonisierung eines Landes. Im ersten Kolonisationseifer wurden die Dörfer häufig an ungünstigen Punkten angelegt, zu nahe an einem Fluss oder Bergabhang, in sumpfiger Gegend, auf zu trockenem oder unfruchtbarem Boden. Viele wurden daher schon nach kurzem Bestehen, oft unter Umänderung des Namens verlegt. Die früher verbreitete Anschauung, dass jede Wüstung aus dem Dreißigjährigen Krieg stammte, hat sich als unzutreffend erwiesen; nur einige wenige sind damals entstanden.

Bibliographie

  • Beschorner, Hans: Wüstungsverzeichnis in den Deutschen Geschichtsblättern, Bd. 4 (Gotha 1904)
  • Hertel: Die Wüstungen in Nordthürigen (Halle 1901, mit Karte von Reischel)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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