Übergang über den Festungsgraben

Übergang über den Festungsgraben

Übergang über den Festungsgraben, Passage, bei einer förmlichen Belagerung, geschieht, nachdem vorher die Descente, oder der Weg in den Graben gemacht worden ist. Bei einer guten Verteidigung der Festung wird es nicht möglich sein, ohne alle Bedeckung über den Graben zu einer Bresche zu gehen; es ist daher in diesem Fall höchst nötig, vom Durchbruch der Futtermauer der Kontreskarpe an, bis zum Fuß der gelegten Bresche, einen durch eine Brustwehr gedeckten Gang, q, Fig. 125, 130 und 131 anzulegen, welches die Passage genannt wird.

Floßbrücke zum Übergang über den nassen Festungsgraben

In einem trockenen Graben mit festem Erdreich wird der Übergang vermittelst der doppelten völligen Sappe bewerkstelligt; ist eine Künette da, so wird von Mauerböcken eine Brücke gemacht, und diese zu beiden Seiten durch gefüllte Schanzkörbe gedeckt. Ist aber unter dem Grabengrund Sommerwasser, so wird die Passage durch über einander gestellte Schanzkörbe errichtet, welche mit Sandsäcken gefüllt werden. Der Übergang geht jedoch jedesmal in einer schiefen Richtung wie e, Fig. 125, oder in einer krummen Linie wie q, teils um dem Feind das Einsehen der Werke zu nehmen, teils um das Enfilieren zu verhindern. Wird aber durch diese Vorsicht der Übergang nicht hinlänglich gesichert, so kann auch nach Art der bedeckten Sappe eine Bedeckung veranstaltet werden, welche man aber durch aufgelegte Sandsäcke und frische Ochsenhäute vor dem Anbrennen schützen muss. Die Brustwehr, welche von der Hauptflanke abgewandt ist, bedarf nur einer Reihe gefüllter Schanzkörbe, weil sie nur zur Sicherung des Rückens der Grabenpassage dient, im Fall die Besatzung einen Ausfall auf diese Arbeit wagen sollte.

Die gewöhnliche Breite einer Passage gegen die Hauptwerke beträgt etwa 36 Fuß, gegen den halben Mond oder andere Außenwerke 24 Fuß. eben so breit wird oben der Damm, den man anlegen muss, wenn die Passage über einen nassen Graben geschehen soll, unten muss er jedoch wenigstens 12 Fuß breiter sein.

Damm zum Übergang über den nassen Festungsgraben

Der Bau dieses Dammes muss noch in derselben Nacht angefangen werden, wo man die Futtermauer der Kontreskarpe durchbrochen hat; zuerst werden große Wasserfaschinen der Länge nach über den Schutthaufen p, Fig. 131, in das Wasser gelegt, so dass sich das Ende r unter dem Wasser in den Schutt einstemmt, das andere Ende hingegen in der Richtung gegen die Böschung des Schutthaufens s zu liegen kommt; diese Arbeit muss sehr genau gemacht werden, weil nachher darauf der ganze Damm ruht, und wird durch den Gebrauch der Sappeurgabeln erleichtert. Ist der ganze Schutthaufen der Breite nach mit diesen Faschinen überdeckt, so wird eine zweite Schicht, t, quer über die erste gelegt, beinahe bis an den Wasserspiegel hinauf, und hierauf eine dritte Schicht, mit der ersten völlig gleichlaufend. Durch dieses Verfahren erhalten alle nachfolgende eingeworfene Faschinenlagen, a, eine schiefe Richtung, wobei der Damm weit mehr Festigkeit bekommt, als bei der horizontalen Lage der Faschinen.

Nachdem die drei ersten Schichten eingelegt sind, tritt ein Sappeur hinauf, und schlägt die ihm zugereichten Pikettpfähle in Gestalt eines Dreiecks ein, zwischen die hervorragenden Enden der Piketts, woran hierauf soviel Sandsäcke gelegt, dass die Faschinen fast auf den Grund gesenkt werden, und dass dadurch oben eine ebene Fläche, v, entsteht, worüber eine Lage Hurden zu liegen kommt. Über diesen fertigen Teil wird darauf Erde geschüttet und mit der Verlängerung des Dammes auf eben die Art fortgefahren. Wenn man 12 bis 18 Fuß vorgerückt ist, wird auf beiden Seiten eine Brustwehr errichtet, entweder durch eine doppelte Reihe von Schanzkörben, q, oder durch bloße Sandsäcke. Im ersten Fall werden über die Schanzkörbe zur Erhöhung noch Faschinen gelegt, und diese zuletzt noch mit frischen Ochsenhäuten bedeckt, um das Anbrennen zu verhüten. Im Fall der Feind diese Arbeit, welche nur aus dem Logement unterstützt werden kann, mit Stein- und Granatwürfen beunruhigt, muss man hierbei ähnliche Mittel wie bei der trockenen Grabenpassage zur Deckung anwenden, in 24 Stunden kann man höchstens 24 Fuß mit diesem Damm vorrücken.

Enthält der Graben fließendes Wasser, es sei nun natürlich, oder durch Schleusen und Wehre erregt, so ist der Dammbau weit schwieriger, und muss dann aus Mauerböcken oder Fässern erbaut werden, welche den Durchfluss des Wassers zulassen. Doch ist noch schneller und sicherer eine Floßbrücke zu errichten, wenn man etwa die Schleusen und Wehre nicht durch Bomben einschlagen könnte. Am besten nimmt man zum Floßbau Kiefersparren von 6 bis 8 Zoll im Durchmesser, weil sie leichter als alle anderen Holzarten sind; die Rinde muss davon abgeschält werden, jedoch so, dass der unter derselben befindliche feine Bast bleibt, damit das Wasser weder durch Eindringen in die Rinde, noch durch Eindringen in das Holz, wenn der Bast herunter ist, die Sparren schwerer macht. Es ist am besten, der Floßbrücke eine schiefe Richtung, Fig. 125, zu geben, weil dadurch der Druck des Stromes vermindert wird. Vor ihrem Gebrauch werden die Sparren völlig zubereitet. Sie werden wie Fig. 135 auf die Erde gelegt, und zwar so, wie die schräge Richtung, e c, ausfallen soll, und nun die nötigen Löcher, d, d, gebohrt, durch welche sie mit Wieden verbunden werden sollen; außer diesen wird noch ein größeres Loch, f, gebohrt, um darin starke Pflöcke, b, Fig. 137, einzutreiben, welche später die Wollsäcke und die zum Gegengewicht nötigen Balken halten sollen. Alle 12 Fuß werden viereckige Löcher, g, zwischen zwei Sparren durchgeschnitten, und zwar auf der Seite e c, Fig. 135, um hierdurch die Schricken zu treiben, welche das Floß gegen den Strom festhalten. Diese Schricken, Fig. 137 a, sind 12 Zoll starke, völlig eben und rund gearbeitete Pfähle, welche in den Grund gerammt werden, und über den Wasserspiegel noch 6 bis 8 Fuß hervorstehen müssen.

Sobald alle nötigen Materialien zum Floßbau im Logement vorrätig sind, werden die ersten drei Sparren, c h, innerhalb der durchbrochenen Kontreskarpe aneinander befestigt, dann auf Walzen in das Wasser geschoben, und hernach umgedreht; sie werden durch starke Taue befestigt; hierauf werden die übrigen Sparren nachgezogen, und durch die gebohrten Löcher mit starken Wieden befestigt. Dies geschieht auf eine sehr einfache Art, indem das eine Ende der Wiede zuerst durch das Loch gesteckt, und dann sogleich durch einen eingetriebenen Keil befestigt wird; eben so wird das andere Ende der Wiede durch das Loch des neben liegenden Balkens gesteckt, und wieder mit einem Keil fest eingetrieben. Die Sparren des Floßes werden mit Brettern belegt, und dieselben darauf fest genagelt; sobald man 12 Fuß mit dem Floß vorgerückt ist, wird die Brustwehr durch Wollsäcke errichtet, Fig. 137. Wenn man vom Feind nicht beunruhigt ist, so kann man jedoch sogleich das Floß bis an die gegenüberliegende Bresche führen, welches bei einem 70 Fuß breiten Graben in 9 bis 10 Minuten durch geschickte Pontonniers geschehen kann. Sollte die Tragfähigkeit des Floßes nicht groß genug sein, so kann man auch an beiden Seiten der Sparren große wohlverschlossene Tonnen anhängen, oder auch mehrere Lagen Bretter auflegen.

Sollte ein trockener Graben durch den Feind mit Wasser gefüllt werden können, wenn man eben mit dem Sappieren in demselben beschäftigt wäre, so muss der Feind mit einem Sturm auf die Bresche überrascht, oder durch List dahin gebracht werden, den Graben früher, als der Klugheit gemäß, mit Wasser anzulassen. Öfters ereignen sich Fälle, wo man sowohl die vorher bereitete Descente, als auch die Grabenpassage ersparen kann, wenn nämlich die Bresche nicht bloß ersteigbar, sondern auch die Hauptflanke demontiert, keine Minen unter der Bresche befindlich sind, das die Besatzung sich nur noch schwach verteidigt. Die Mineurs schlagen dann in den bedeckten Weg ein, legen eine Mine, und sprengen die Mauer der Kontreskarpe, in dem Augenblick, wo der Sturm beginnen soll. Den Übergang über den nassen Graben bewerkstelligt man dann durch eine Kastenbrücke, welche in einigen Minuten geschlagen ist. Oft kann man auch das Wasser eines Grabens ableiten, welches besonders häufig bei einen Vorgraben angeht.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

Glossar militärischer Begriffe