Tscherkessen

Tscherkesse

Tscherkessen (Adighe nach eigener, Zirkassier nach europäischer Benennung; arischer Volksstamm, der zur westlichen Gruppe der Kaukasusvölker gehört, früher das Ostufer des Schwarzen Meeres, die Westhälfte des Kaukasus, die Ebenen am Kuban, zum großen Teil auch die Kabardinische Ebene bewohnte, jetzt aber zum großen Teil (seit 1858) auf türkisches Gebiet (Kleinasien, Syrien, Palästina, Europa) ausgewandert ist. Auf russischem Gebiet wohnen in Ziskaukasien in den Provinzen Kuban 69.000 (hier Abadsechen, Schapsugen, Natuchaier genannt) und Terek 82.000 (hier Kabardiner genannt), im Schwarzen Meer-Bezirk 1400, so dass die Gesamtzahl aller Tscherkessen in Kaukasien auf über 152.400 geschätzt werden kann. Ein jetzt stark zusammengeschmolzener verwandter Stamm der Tscherkessen sind die Abchasen (s. d.). Die Tscherkessen sind ein schöner Menschenschlag von reichlich mittlerer Statur, schlank und kräftig, mit edlen, fein geformten Gesichtern und braunen, zuweilen blonden Haaren. Früher bekannten sie sich teils zum armenischen, teils zum orthodox-griechischen Christentum, haben aber später den Islam angenommen; doch sind nur die Häuptlinge und Vornehmen als Muslime anzusehen, bei dem Volk haben sich sowohl christliche Gebräuche als zahlreiche Spuren des alten Heidentums erhalten. Die Sprache der Tscherkessen, selbständig für sich dastehend, ist kenntlich an vielen Gurgeltönen, reich, zur Poesie geeignet und zerfällt in einen nördlichen (Abesech) und südlichen (Ubuch) Dialekt (s. Kaukasische Sprachen). Sie haben Sänger (Kikoakoa), die in hohem Ansehen stehen. Vgl. L’Huilier, Russisch-tscherkessisches Wörterbuch und Grammatik (Odessa 1846); Löwe, Circassian dictionary (Lond. 1854).

Seit der Einführung des Korans hat die arabische Sprache sich bedeutend ausgebreitet, und in ihr werden auch die Dokumente ausgestellt. Die Tracht der Männer, bestehend in langem Rock, Tscherkesska, mit orgelpfeifenähnlichen Patronenhülsen auf der Brust, und hoher Schaffellmütze, haben jetzt auch die kaukasischen Kosaken angenommen. Die Frauen tragen sehr malerische Kleidung. Die Männer gehen stets bewaffnet mit Flinte, Säbel, Pistole und Dolchmesser. Hauptcharakterzüge des Volkes sind: Anhänglichkeit an die Familie, Tapferkeit, Entschlossenheit, Gastfreiheit, Ehrfurcht vor dem Alter und Gemeinsinn, aber auch Leichtsinn, Roheit, Habgier, Neigung zur Dieberei und namentlich Lügenhaftigkeit. Die Blutrache fordert jährlich viele Opfer. Seit der Unterwerfung der Tscherkessen durch die Russen hat ihr kriegerischer Geist sehr abgenommen. Das Heiraten geschieht nach freier Wahl, und zwar wird das Mädchen aus dem elterlichen Haus heimlich entführt und erst später nach der Hochzeit der vereinbarte Preis (Kalym) vom Mann bezahlt. Die Stellung der Frauen ist nicht die sklavische wie sonst im Morgenland, besonders genießen die jungen Mädchen große Freiheit, doch werden Mädchen von den eignen Eltern oft in türkische Harems verkauft.

Im Altertum treten die Tscherkessen unter dem Namen der Sychen auf. Im 13. Jahrhundert wurden sie von den georgischen Königen unterworfen und zum Christentum bekehrt; doch errangen sie 1424 ihre Unabhängigkeit wieder. Bedrückungen durch den Tataren-Chan der Krim nötigten 1555 die Gebirgsstämme, sich dem Zaren Iwan IV. dem Schrecklichen zu unterwerfen. Nach dem Abzug der Russen siedelte der Tataren-Chan Schah Abbas Girai 1570 die Transkubaner zwangsweise jenseit des Kuban an und bekehrte sie zum Islam. 1843 rief Schamyl (s. d.), der seit 1839 die Tschetschenzen und andere östliche Gebirgsstämme zum Kampf entflammt hatte, auch die Tscherkessen zur Erhebung gegen die Russen auf und wurde hierin seit 1853 von den Türken unterstützt. Schließlich aber wurden Schamyl und die Tscherkessen 1859 von den Russen unterjocht (vgl. Kaukasien, S. 778). Die Tscherkessen wanderten in Scharen (bis 1864: 400.000) nach der Türkei aus, wo sie, in Bulgarien, Thessalien etc. angesiedelt, durch ihre Wildheit viele Klagen hervorriefen. Auch 1875 (in der Herzegowina), 1876 (in Bulgarien) und 1877 (im russisch-türkischen Krieg) taten sich die tscherkessischen Truppen durch Zügellosigkeit sehr, im geregelten Kampf wenig hervor. Die Aufstandsversuche der im Kaukasus zurückgebliebenen Tscherkessen waren 1877 ohne einheitlichen Plan und daher ohne Erfolg. Vgl. Bergé, Sagen und Lieder des Tscherkessenvolkes (Leipz. 1866).

Figuren

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

Kosaken der Napoleonischen Kriege