Indianer

Indianer

Indianer, die Ureinwohner Amerikas, so von den spanischen Entdeckern genannt, welche die Neue Welt für einen Teil Indiens ansahen. Das durch die Phantasie von Romanschriftstellern (Benjamin Cooper) geschaffene Bild des Indianers bezieht sich auf die nordamerikanischen Jägervölker, entspricht jedoch nur wenig der Wirklichkeit.

Die Kultur befand sich zur Zeit der Entdeckung überall im Zeitalter der geschliffenen Steinwerkzeuge, wiewohl Kupfer, Bronze und Edelmetalle zu verschiedenen Zwecken, namentlich zu Schmucksachen, verarbeitet wurden. Die Waffen (Speer, Keule, Beil und Bogen) waren aus Holz, Knochen oder Stein gearbeitet. Später sind eiserne Beile (Tomahawk), Schlachtmesser und Flinte an ihre Stelle getreten. Die meisten Stämme waren mit der Töpferei vertraut, kannten aber nicht die Töpferscheibe und die Glasur. Webe- und Flechtarbeiten wurden, meist von Frauen, mit einfachen Hilfsmitteln gefertigt. Die mitunter recht ansehnlichen Bauten errichteten die Indianer ohne Winkelmaß und Lot; aus ausgehöhlten Baumstämmen, Baumrinde oder Fellen verfertigten sie geräumige Kanus, aber sie kannten nicht den Gebrauch des Segels und Steuerruders und benutzten Schaufelruder, paddles, zur Fortbewegung. Sie hatten verschiedene Musikinstrumente, aber keine Saiteninstrumente.

Die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens der nordamerikanischen Indianer ist nicht die Familie, sondern das Geschlecht (Sippe, Gens, Clan), das durch ein meist einem Tier entlehntes Sinnbild (Totem bei den Algonkin) gekennzeichnet wird. Eine Anzahl solcher Geschlechter bilden den Stamm. Jedes Geschlecht ist bis zu einem gewissen Grade selbständig und erwählt seinen eigenen Häuptling, der alle Angelegenheiten innerhalb des Geschlechts ordnet. Der Stamm wird durch einen Rat geleitet, dessen Mitglieder von den einzelnen Geschlechtern gewählt werden. Dieser Rat wählt auch den Stammeshäuptling, meist aus einem bestimmten Geschlecht, während für den Krieg ein besonderer Häuptling auf Grund seiner Tüchtigkeit erwählt wird. Heiraten innerhalb der Geschlechter sind verboten. Die Erbfolge geschieht gewöhnlich in weiblicher Linie; dem Verstorbenen folgt der Sohn seiner Schwester. Diese Einrichtung erhöht die Stellung der Frau, die keineswegs bloß die Sklavin des Mannes ist. Ihre Stimme ist mitunter im Rat nicht ohne Einfluss; in einzelnen Fällen haben die Frauen selbst die Stelle eines Häuptlings eingenommen. Die Heirat wird durch Kauf abgeschlossen; nur die Reichen haben mehrere Frauen. Die früh reisenden Mädchen treten mitunter schon mit 11–12 Jahren in die Ehe. Die Zahl der Kinder ist gering.

Fast bei allen Indianern wurden Sklaven, meist Kriegsgefangene, gehalten. Das religiöse Gefühl offenbart sich in einer Anzahl von Mythen, deren vornehmste von einem guten Wesen handelt, das als Schöpfer des Weltalls und Stammvater und Lehrer des Volkes gepriesen und oft in Gestalt eines Tieres (Rabe, Hase, Wolf u. a.) dargestellt wird. Bei fast allen Stämmen findet sich auch Sonnenverehrung in irgendeiner Form; sehr verbreitet ist die Mythe vom Donnervogel. Außerdem glauben die Indianer an eine Menge höherer und niederer Geister, die dem Menschen teils wohlwollen, teils feindlich gesinnt sind. Die Beschwörung der bösen Geister wie überhaupt die Ausübung der religiösen Gebräuche liegt in der Hand der Medizinmänner (Schamanen), die als Ärzte, Wahrsager, Regenmacher, Leiter geheimer Gesellschaften und als Bewahrer der Stammesüberlieferungen einen großen Einfluss ausüben. Zu den religiösen Gebräuchen gehören auch die Aufführungen von Tänzen und oft furchtbare Selbstpeinigungen (Aufhängung an Stricken, die durch die durchbohrten Muskeln der Gliedmaßen, der Brust und des Rückens gezogen sind). Das zukünftige Leben wurde als eine Fortsetzung des gegenwärtigen gedacht, daher gab man den Toten ihre Lieblingsgeräte und Speisen mit ins Grab.

Seinen phantastischen Sinn offenbart der Indianer in der Bemalung des Gesichts mit schreienden Farben, dem Aufputz der Haare und dem bunten Zierrat der Kleidung. Sein vorzüglichster Schmuck sind die Wampums, Arm- und Halsbänder aus farbigen Perlen, die ursprünglich aus Muschel- und Schneckenschalen gefertigt wurden. Dieser Schmuck diente auch als Zahlungsmittel; im Kriege war seine Übersendung Zeichen des angebotenen Friedens, unterworfene Stämme zahlten mit ihm ihren Tribut.

Die ehemalige Pelzkleidung ist später durch die wollene Decke, das blanket, verdrängt worden. Die Wohnungen sind teils dauerhafte Holzhäuser, teils leichte, aus Baumrinde oder zusammengenähten Büffelhäuten gefertigte, meist kegelförmige Zelte (Wigwams), mit dem Feuerplatz in der Mitte und einer Rauchöffnung im Dach. Fast alle Indianer trieben neben der Jagd und dem Fischfang mehr oder weniger Ackerbau; im Osten zeichneten sich die Algonkin und Irokesen durch die sorgfältige Anlage ihrer Felder aus, im Süden die Yuma, Pueblo und Pima. Gebaut wurden Mais, Kürbisse, Melonen, Kartoffeln, Baumwolle und Tabak. Von Haustieren war nur der Hund bekannt.

Von der früheren Eigentümlichkeit ist durch unausgesetzte Berührung mit den Weißen viel verloren gegangen; schon Anfang des 20. Jahrhunderts war der größte Teil der Indianer zum Christentum bekehrt, und nur noch in den abgelegensten Gebieten Nord- und Südamerikas hatten sich von der europäischen Kultur unberührte Reste erhalten. Im übrigen war die Behandlung, welche die Indianer namentlich in Nordamerika seitens der Weißen erfahren haben, schmählich gewesen. In den Kriegen zwischen den beiden mussten die Indianer natürlich unterliegen und wurden schließlich auf abgegrenzte, ihnen gewährleistete Gebiete (die sogen. Reservationen) beschränkt; aber oft genug sind sie aus diesen Besitzungen mit Gewalt wieder vertrieben worden. Die zugunsten der Indianer vom Kongress der Vereinigten Staaten gegebenen Gesetze kamen selten zur Geltung, und 1825 wurde unter dem Präsidenten Monroe der Beschluss gefasst, die im Osten des Mississippi wohnenden Indianer nach dem Westen zu verpflanzen. Doch fügten sich die Seminolen in Florida nicht ohne harten Kampf, und die Cherokee in Georgia, die dort blühende Dörfer hatten und Handwerke betrieben, wichen erst 1838 nach langer Misshandlung. Die Kosten aller von den Vereinigten Staaten gegen die Indianer geführten Kriege hat man auf 1000 Mill. Doll. geschätzt. In mehr als 40 Indianerkriegen fielen gegen 14.000 Weiße und 30.000 Indianer. Es ist natürlich, dass die Zahl der Indianer seit ihrer Berührung mit den Europäern abgenommen hat; manche Stämme sind ganz ausgestorben, andere sehr zusammengeschmolzen. Ein ansehnlicher Teil ist auch durch Vermischungen mit Weißen (vgl. Bois-Brulés) und Schwarzen verloren gegangen. Dagegen hat sich die indianische Bevölkerung Südamerikas kaum vermindert. Die Gesamtzahl aller Indianer schätzt man auf 9–10 Mill., von denen in Kanada und British-Kolumbien (1902) 108.112 in Alaska (1900) 29.536, in den Vereinigten Staaten (1900) 237.196 (gegen 400.764 im Jahre 1850) gezählt wurden. Der Aufwand der Vereinigten Staaten für die indianische Bevölkerung betrug 1901 10.905.073 Dollar. Zu den 56 Agenturen gehören 34 Mill. Hektar, von denen aber nur 149.222 Hektar kultiviert werden. Das Land liegt in kleineren Parzellen östlich vom Mississippi in New York, North Carolina, Michigan und Wisconsin, in großen zusammenhängenden Komplexen in fast allen Staaten des Westens (vgl. Indianerterritorium).

Bibliographie

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  • Boas, Franz: Indianische Sagen von der nordpazifischen Küste Amerikas (Berl. 1895)
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  • Catlin, George: Illustrations of the manners, customs and conditions of the North American Indians (neue Ausg., Lond. 1876, 2 Bde.)
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  • Friederici, Georg: Indianer und Angloamerikaner (Braunschw. 1900)
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  • Ratzel, Friedrich: Völkerkunde, Bd. 2 (2. Aufl., Leipz. 1895)
  • Schoolcraft, Henry Rowe: History of the Indian Tribes (Philad. 1851–55, 5 Bde.)
  • Waitz, Theodor: Anthropologie der Naturvölker, Bd. 3 und 4 (Leipz. 1862 u. 1864)

Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage 1905–1909

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