Prinz Georg von Hessen-Darmstadt

Prinz Georg von Hessen-Darmstadt, »der Eroberer und Verteidiger von Gibraltar«, berühmter Feldherr, ist am 25. Aurpil 1669 als Sohn des regierenden Landgrafen Ludwig’s VI. und dessen zweiter Gemahlin Elisabetha Dorothea, der Tochter Herzog Ernst’s des Frommen von Sachsen-Gotha, im Residenzschloss zu Darmstadt geboren. Schon in früher Jugend des Vaters beraubt (1678), erhielt er unter der Leitung seiner tatkräftigen Mutter, welche nach dem ebenfalls 1678 erfolgten Tod des Landgrafen Ludwig VII. für ihren erst elfjährigen ältesten Sohn Ernst Ludwig die Regentschaft übernommen hatte, eine streng religiöse Erziehung, zugleich aber auch eine sorgfältige Unterweisung in den Kriegswissenschaften. In letzterer Beziehung ging seine Mutter, dem Geist der Zeit entsprechend, so weit, dass sie schon im Jahre 1684 den wiederholten Versuch machte, ihren kaum fünfzehnjährigen Sohn Georg an die Spitze eines in Hessen zu werbenden Regimentes und mit diesem in den Dienst mächtiger deutscher Potentaten zu bringen. Da der Plan misslang, schickte sie ihn zugleich mit seinem älteren Bruder Ernst Ludwig auf Reisen. Auf »einer großen Tour« lernte so Prinz Georg in dem Zeitraum vom 1. Juni 1685 bis 21. Oktober 1686 die Schweiz, Frankreich und den Niederrhein kennen; ganz besonders eingehend wurde den Plänen der Landgräfig entsprechend Paris studiert. Nach seiner Rückkehr führte ihn der Wunsch der Mutter in die Türkenkriege. Er nahm als Freiwilliger am Feldzug des Jahres 1687 in Ungarn und der Schlacht bei Mohács teil und zog dann im Jahre 1688, nach einem kurzen Aufenthalt in Darmstadt, zum zweiten Mal gegen den Erbfeind des christlichen Glaubens zu Felde. Hatte Georg im Jahre 1687 eine mehr untergeordnete Stellung eingenommen, so sollte er jetzt viel selbständiger auftreten. Er wurde nämlich bestimmt, an dem glorreichen Kampf, welchen christliche Waffen im Dienst der Republik Venedig, damals noch der Mitbeherrscherin der Weltmeere, auf der Halbinsel Morea (Peloponnes) gegen die Ungläubigen führten, als Führers eines Regiments von 1000 Mann in zehn Kompanien (mit Einschluss einer Grenadierkompanie) Anteil zu nehmen. In dieser Stellung beteiligte er sich mit seinen Truppen bei der unglücklichen Belagerung von Negroponte (Chalkis auf Euböa), dem einzigen bemerkenswerten Ereignis des fehlgeschlagenen Feldzugs, und wurde bei dieser Gelegenheit wegen seiner hervorragenden Tapferkeit zum Brigadeführer von fünf Regimentern ernannt. Nach Ausgang dieses Krieges in die Heimat zurückgekehrt, verweilte er bis zum Jahre 1691 in Darmstadt bei seinem seit 1688 mündig gewordenen und die Regierung Hessens seitdem selbständig führenden Bruder, Landgraf Ernst Ludwig.

Im Jahre 1691 eröffnete sich ihm eine doppelte Karriere. Auf der einen Seite zog ihn seine Neigung an den Hof des englischen Königs Wilhelm III. von Oranien-Nassau, unter dessen krieggeübter Oberleitung es noch harte Kämpfe in Irland auszufechten galt. Andererseits wiesen die Tradition des hessischen Hauses nach dem österreichischen Dienst hin. Georg’s Schwanken kam nun zwar scheinbar durch die im Anfang 1691 erfolgte Ernennung zum Obristen eines von da an bis zum Tod des Landgrafen den Namen des hessen-darmstädtischen Regimentes oder kurz »Regiment Darmstadt« tragenden Kürassierregimentes zum Abschluss. Trotzdem nahm er noch im Juli 1691 an dem Feldzug des Königs Wilhelm gegen die Iren rühmlichen Anteil und fand dabei einen solchen Gefallen am englischen Dienst, dass er sich mit der Absicht trug, ihn nach einem Abstecher nach Wien, wenn auch nur vorübergehend, wieder aufzunehmen. Diesen Plan vereitelten ihm jedoch die inzwischen veränderten Verhältnisse auf dem Schauplatz der Türkenkriege. Prinz Georg hielt es im Blick auf die im Jahr 1691 in Ungarn stattgehabten Kämpfe zwischen der kaiserlichen Heeresmacht und den Türken für eine Ehrensache, dem Ruf nach England vorerst nicht zu folgen und sich dem kaiserlichen Dienst nunmehr mit ganzer Kraft zu widmen. Im Verfolg dieses Gedankens beteiligte er sich 1692 an einem neuen Türkenzug, kämpfte 1693 mit Markgraf Ludwig von Baden, einem der größten Feldherren seiner Zeit, zusammen am Rhein und unter dem Grafen Caprara 1694 als Generalfeldwachtmeister bei der kaiserlichen »Hauptarmada« wieder in Ungarn. Kurz vorher war er, berühmten Mustern seiner Zeit folgend, zur katholischen Kirche übergetreten.

Alle bisher erwähnten kriegerischen Betätigungen des Prinzen Georg tragen den Charakter der Vorbildung für sein eigenstes Lebenswerk, seine Feldzüge in Spanien. Als er im Frühjahr 1695 von Wien aus mit den österreichischen Hilfstruppen als kommandierender General nach Katalonien ging, da war daselbst schon seit sieben Jahren der Krieg im Gange. Es kämpften die Truppen Ludwig’s XIV. mit den Truppen der »großen Allianz«, und es handelte sich dabei in den Jahren, da Georg ankam, vor allem um den Besitz von Barcelona. Es gelang nun zwar dem französischen Oberbefehlshaber Vendome, die von dem Vizekönig von Katalonien, dem Prinzen und anderen Kommandanten verteidigte Stadt Ende August 1697 einzunehmen. Doch ist hervorzuheben, dass die Kapitulation gegen des Prinzen Willen und hinter seinem Rücken geschah, und dass Georg durch seine Umsicht und Tapferkeit bei der Verteidigung sich die Liebe und Begeisterung der Stadtbevölkerung zu erwerben verstand. Dass man dies sein Verdient trotz des ungünstigen Ausganges auch in Madrid zu schätzen wusste, zeigt sich daran, dass man ihn nach dem bald auf Barcelona’s Kapitulation folgenden Frieden von Rijswijk in Madrid mit den höchsten Ehrenbezeugungen empfing, ihn zum Granden erster Klasse erklärte, zum Ritter des goldenen Vließes, Kammerherrn und Obristen der königlichen Garde zu Pferd ernannte und mit kostbaren Geschenken und einer bedeutenden Pension bedachte. Ja, man ernannte ihn im Dezember 1697 zum Vizekönig von Katalonien. Mit diesen Auszeichnungen, denen von Wien aus im November 1699 für die bei Barcelona bewiesene Tapferkeit, sowie die unermüdliche Tätigkeit für die österreichische Sache die Ernennung zum Feldmarschall folgte, hatte Prinz Georg freilich für die nächste Zeit die Höhe seines Ruhmes erstiegen. Das Zögern des Wiener Hofes, Hilfstruppen zu schicken, und sich bei Zeiten die spanische Erbfolge zu sichern, sowie die französischen Intrigen und Erfolge (Ernennung des Enkels Ludwig’s XIV. zum Nachfolger Karl’s II.) machten es nach dem Tod des Königs Karl (am 3. November 1700) und dem dadurch bedingten Regierungsantritt des Franzosen Philipp V. möglich, dass der »Held des Tages«, das »Ideal der Katalonier« aus seiner Stellung als Vizekönig verdrängt wurde (1701).

Als Prinz Georg sich im Hafen der Stadt, die er so ruhmvoll verteidigt, einschiffte, um Wien und dann Darmstadt wieder einmal aufzusuchen, sprach er die prophetischen Worte: »Ich werde nicht allein zurückkehren, sondern mit einem andern König von Spanien«. Dies Wort sollte sich eher, als er es geahnt, erfüllen. Bereits im März 1702 treffen wir ihn an der Spitze einer Seeexpedition gegen Spanien, deren Ziel (die Eroberung von Cádiz) freilich misslang, aber durch die Wegnahme der spanischen Silberflotte in der Bucht von Vigo aufgewogen wurde. 1703 erhielt Georg dann von Wien aus den Auftrag, die Unterhandlungen zwischen Österreich und England zum Zweck der gewaltsamen Absetzung Philipp’s V. und der Einführung des österreichischen Kronprätendenten Karl III. auf den spanischen Königsthron in London zu leiten. Nachdem ihm dies gelungen ist, treffen wir ihn im Jahr 1704 als Teilnehmer der großen Seeexpedition, die König Karl nach Portugal bringen und dann an den Küsten Spaniens neue Eroberungsversuche zu seinen Gunsten machen sollte. Von nun an ist er die eigentliche Seele aller Unternehmungen und Angriffe, die zur See in Spanien gemacht wurden. Von König Karl zum Stellvertreter mit der höchsten Machtbefugnis (vicario general de la corona de Aragon) ernannt, schiffte er sich an Bord des Admiralsschiffes der ihm allein zu Verfügung stehenden englischen Flotte ein und unternahm zuerst einen Angriff auf Barcelona. Als dieser infolge des Ausbleibens portugiesischer Unterstützung und Hilfstruppen und der zögernden Stellung des die englische Flotte kommandierenden Admirals Rooke misslang, entschloss sich Georg zu einem Hauptschlag, der Einnahme der für die ganze Kriegsführung hochwichtigen, stark befestigten, aber nur mit schwacher Besatzung versehenen Festung Gibraltar. Sie gelang auch durch eine Kapitulation vom 4. August 1704, trug dem Prinzen allerdings (namentlich von englischer Seite) nicht die Anerkennung ein, die ihm gebührte. Trotzdem ließ er dadurch sich nicht verbittern. Gerade die nun folgende Tätigkeit Georg’s als (erster) Gouverneur der Stadt und Festung Gibraltar gibt dafür manches Zeugnis. Es gelang seiner Tapferkeit und Selbstverleugnung nicht bloß in zeitweilig sehr kritischen Lagen den Zurückeroberungsversuchen der Franzosen und Spanier zu trotzen und sich zwei Mal ihrem Kriegsglück gegenüber bis zum Entsatz durch die englische Flotte zu behaupten, er war auch in dem nach Aufhebung der Belagerung nach Katalonien unternommenen Feldzug die Seele aller vernünftigen Unternehmungen und der Vater aller gefundenen Kriegspläne. Leider drang er auch hier nicht immer durch. Drei Wochen lang lag das Heer wegen der Unentschiedenheit der Engländer untätig in Barcelona. Als man endlich zum Angriff überging, da ereilte den Prinzen gleich in der ersten Schlacht das Todesgeschick (am 15. September 1705). Grade der Feldzug, von dessen Ausgang er sich am meisten versprochen, sollte ihn an das Ziel alles irdischen Strebens hinführen.

Tragisch wie dieser Tod des Prinzen ist auch das Schicksal seines Leichnams geworden. Sein Körper wurde einbalsamiert und in zwei Särgen, deren Schlüssel Prinz Georg’s Bruder Heinrich mit nach Deutschland brachte, vorläufig in den Gewölben eines Klosters zur Grazia bei Barcelona beigesetzt. Über die weiteren Schicksale dieser sterblichen Überreste ist nichts bekannt. Genaue Nachforschungen im Jahre 1858 ergaben nur, dass alle Spuren derselben verschwunden sind. Es ist zu vermuten, dass Philipp V. den Sarg des heldenmütigen Prinzen verschwinden ließ. Gerettet wurde nur das Herz des Prinzen, welches sein Bruder Heinrich bei der Einbalsamierung hatte herausnehmen lassen, um es in einem mit starkem Alkohol gefüllten Porzellangefäß der tiefbetrübten Mutter zu überschicken. Freilich kam das Herz erst nach dem Tod der Landgräfin Elisabetha Dorothea in die Heimat. Es wurde samt dem englischen Packetboot, das es heimbringen sollte, von den Franzosen erbeutet und erst 1711 nach langen Verhandlungen ausgeliefert. Jetzt ruht es in der Gruft der Ahnen in der darmstädter Stadtkirche.

Tragisch erging es endlich mit seiner Würdigung. Man hat unter dem Druck englischer Darstellungen lange Georg’s Bedeutung unterschätzt und vergessen, dass es doch Großtaten waren, welche der Held von Gibraltar, noch nicht 35 Jahre alt, vollbrachte. Um so mehr ist es nötig festzustellen, dass die Erhaltung Gibraltars und die Eroberung Kataloniens Tatsachen sind, welche mit dem Wirken seiner Persönlichkeit in einem unlösbaren Zusammenhang stehen.

Das Leben und der Briefwechsel des Prinzen Georg von Hessen-Darmstadt, des Eroberers und Verteidigers von Gibraltar. Ein Beitrag zur Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges, zur Memoirenliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts, und zur hessischen Landesgeschichte. Nach den deutschen, englischen, französischen, spanischen, italienischen, holländischen und lateinischen Originalpapieren des britischen Museums und der Archive in London, des Großherzoglichen Haus- und Staatsarchivs zu Darmstadt, des k. k. Reichsarchivs zu Wien, der Archive von Paris, Madrid, Lissabon, Venedig und im Haag, von Gibraltar und Barcelona, des königlich Württembergischen Staatsarchivs zu Stuttgart und des Fürstlich Oettingischen Archivs zu Wallerstein dargestellt von Heinrich Künzel. Friedberg u. London 1859. – Prinz Georg von Hessen. Ein episches Gedicht. Nach historischen Quellen bearbeitet von C. Merck. Darmstadt 1855. – In dem erstgenannten Werk ist die gesamte Literatur bis zum Jahre 1859 verzeichnet.

Quelle: Wilhelm Diehl

Bibliographie

  • Diehl, Wilhelm: Allgemeine deutsche Biographie, Bd.: 49 (Leipzig, 1904)
  • Kuenzel, Heinrich: Das Leben und der Briefwechsel des Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt (Friedberg, London, 1859)
  • Sörgel: Kriege des 18. Jahrhunderts (Altenburg/Leipzig 1793)
  • Wagner: Geschichte von Darmstadt (Darmstadt 1823)

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