Abbrechen und Anknüpfen des Gefechts

Abbrechen und Anknüpfen des Gefechts. Wenn man mit dem Feind anbinden will, ohne zugleich die noch nicht entwickelten Waffen mit ins Gefecht zu bringen, oder die entwickelten der Beobachtung des Feindes Preis zu geben, so knüpft man das Gefecht an, indem man schnell in bedeutender Breite eine zerstreute Feuerlinie aufstellt, um die Tätigkeit und Aufmerksamkeit des Feindes auf mehreren verschiedenen Punkten zugleich in Anspruch zu nehmen. Hinter diesem wohltätigen Schleier, welcher aller möglichen Beweglichkeit fähig ist, und zu dessen Vervollständigung und Verdichtung sich die unbedeutendsten Beschaffenheiten des Terrains so bequem benutzen lassen, bleibt uns die nötige Freiheit und Muße übrig, mit der Stellung, Bewegung, und den inneren Zuständen unserer Waffen beliebige Veränderungen vorzunehmen. Teilt der Gegner das Bestreben, das Gefecht anzuknüpfen, oder das angeknüpfte festzuhalten, so bedarf es nicht unseres weiteren Zutuns, und man hütet sich nur, seine Absicht unverkennbar hervorblicken zu lasse; man macht den Feind noch begieriger, mit uns anzubinden, indem man eine scheinbare Unentschlossenheit, Nachlässigkeit, und Geneigtheit dem Gefecht auszuweichen, zu zeigen sich bemüht.

Hat man Ursache, eine entscheidende Schlacht zu wünschen, und der Gegner ist nicht sehr aufgelegt dazu, so werden dergleichen Lockungen und Vorspiegelungen noch nötiger, und man muss nur bedacht sein, nicht aus der Rolle zu fallen, nicht aus der scheinbaren Tätigkeit in eine wirkliche überzugehen, und den Gegner ein Verhältnis annehmen zu lassen, durch welches er einem uns günstigen Gefecht entgehen kann; man macht es ihm wahrscheinlich, dass man auf die Offensive nicht sonderlich vorbereitet ist, durch Verschanzungen, Beziehen defensiver Positionen, Ausschreibung von Lebensmitteln aus entfernteren Gegenden, durch Gerüchte, Unterhandlungen usw.; man sucht sich ein unverdächtiges Ansehen zu geben, indem man zugleich unter Vermeidung eines zu frühzeitigen Zusammentreffens, und leisen, bedächtigen Schrittes, auf Umwegen den Feind immer enger und enger umspinnt, und um seine Flanken herumgreift, bis man in der Verfassung ist, plötzlich und ungestüm irgend einen Teil der feindlichen Schlachtordnung so zu fassen, dass diesen der Feind entweder rücksichtslos Preis geben, oder um ihn zu retten Stich halten muss.

Ist das Bestreben des Gegners aber bestimmt darauf gerichtet, dem Gefecht auszuweichen, so wird man ihn nur dann fest halten können, wenn man ihm unablässig auf den Fersen sitzt; das Erreichen dieses Zwecks wird um so schwieriger, je durchschnittener das Terrain zwischen den gangbaren Straßen ist, und je weniger nahe Parallelstraßen die Möglichkeit des Überholens darbieten. Bei der Verfolgung muss man besonders den günstigen Augenblick wahrnehmen, wo der Feind Defiléen passiert, da man ihn hier am leichtesten in eine für ihn nachteiliges Gefecht verwickelt.

Um ein Gefecht abzubrechen, muss man notwendig den Feind auf irgend eine Art vermögen, dass er seine Feindseligkeiten einstellt, und uns ruhig ziehen lässt, oder man muss sich plötzlich aus seinem Gesichts- und Wirkungskreis entfernen, oder endlich sich allmählich so aus dem Handgemenge in das Ferngefecht, und aus diesem in eine Sphäre loswickeln, wo die Anwendung seiner Streitkräfte ein Ende hat. Die Ursache, welche wir gewöhnlich zum Abbrechen eines Gefechtes haben, tritt gewöhnlich mit der Besorgnis, oder mit dem Fall selbst ein, dass der Ausgang für uns eine ungünstige Wendung nimmt, also wo der Feind alles anwenden wird, uns das Entweichen zu erschweren oder ganz zu verhindern. Man muss daher vor allen Dingen suchen, dem Gegner die Kenntnis unserer Lage und unserer Absicht vorzuenthalten, und zu der Ausführung der letzteren irgend einen günstigen Zeitpunkt wählen, wo man ein wenig zu Atem kommt.

Vorzüglich begründet die Beschaffenheit des Terrains eine Möglichkeit des Abbrechens, und es kommt darauf an, dass sich in unserem Rücken Gelegenheit findet, dem Feind durch einen Teil unserer Streitkräfte lange mit Erfolg die Spitze bieten zu können, bis die übrigen Teile einen neuen Terrainabschnitt gewonnen haben, unter dessen Schutz jener Teil wiederum seinen Rückzug antreten kann; das Wichtigste hierbei ist die Tapferkeit unserer Truppen und die Angemessenheit unserer Anordnungen.

Um einen günstigen Zeitpunkt zum Abbrechen des Gefechts herbeizuführen, muss man plötzlich alle seine Kräfte ermannen, und eine außerordentliche Lebhaftigkeit in das Gefecht zu bringen suchen; wenn auch hierdurch die ganze Lage vielleicht nicht gar eine günstige Wendung nimmt, so wird doch wenigstens ein augenblickliches Anhalten des feindlichen Andranges bewirkt. Z.B. man versammelt eine bedeutende Masse von Artillerie auf einem Punkt, oder lässt sie von mehreren Seiten her ihr Feuer in beschleunigtem Tempo auf einen Punkt konzentrieren; so wie man sieht, dass dies einige Wirkung hervorbringt, stürzt sich die Reiterei rücksichtslos auf den Feind, und in demselben Augenblick treten Infanterie und Artillerie ihren Rückzug dermaßen an, dass sie der Reiterei zum Repli dienen, im Fall diese geworfen wird. Hat man noch eine Reserve, so wird die Lokalität zu Rate zu ziehen sein, ob man sie nach dem Ort, wo die Hauptverwicklung des Gefechts stattfindet, hin dirigieren soll, oder ob es angemessener ist, mit derselben dem Feind durch ein Flankenmanöver beschwerlich zu fallen. Nur selten, und nur dann, wenn der Feind unsere Absicht erraten hat, wird er den angefallenen Teil seiner Schlachtordnung sich selbst überlassen, und mit den übrigen Teilen seitwärts rasch vorgehen, um unseren im Abzug begriffenen Massen den Pass zu verrennen, oder sie im Marsch zu beunruhigen, oder ihnen wenigstens so nahe zu bleiben, dass wir das Gefecht immer wieder zu erneuern gezwungen sind. Doch kommst es hierbei auf die Beschaffenheit des Terrains neben unseren Flanken an, wenn ihm dieses Gegenmanöver von Nutzen sein soll. Ist es uns erst gelungen, einen Teil unserer Streitkraft der unmittelbaren Einwirkung und Beobachtung des Feindes zu entziehen, so ist schon viel gewonnen; noch entscheidender wäre es, wenn man sogar darauf einen Hinterhalt machen, und den Gegner zu übereilter und verworrener Verfolgung verleiten könnte.

Sollte der Feind nicht allzusehr, und nicht mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Entscheidung hindrängen, oder wäre unsere Besorgnis nicht so groß, dass wir das Gefecht unverzüglich abbrechen müssten, so ist es gut, ganz allmählich Einleitungen dazu zu treffen, und das Gefecht so lange hinzuhalten, bis irgendwelche äußere Umstände unser Vorhaben noch besonders begünstigen; dann überlässt man der zerstreuten Feuerlinie die Rolle unserer Massen, und wählt die eintretende Dämmerung als den besten Zeitpunkt, indem man sich noch kurz zuvor das Ansehen geben kann, als hege man noch sehr ernste Absichten zur Fortsetzung des Kampfes.

Quelle: Rumpf, H. F.: Allgemeine Real-Encyclopädie der gesammten Kriegskunst (Berl. 1827)

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